6.9.25

BESSER DRAN

 

„Beiderseits des Flusses leiden 

wiegend still zwei Trauerweiden, 

die sich mit den schlanken Zweigen 

sehnend zueinander neigen. 


Warum trennt der Fluss die Bäume, 

hindert ihre Liebesträume, 

weshalb lässt er nur die beiden 

so an ihrer Sehnsucht leiden?“


sprach betrübt ich dort am Strande, 

denkend Dein in fernem Lande.

Und ein Seufzer gab nun Kunde 

auch von meiner Herzenswunde. 


Ach, wie hart trennt oft der Raum 

in der Liebe Mensch und Baum.

„Wir stehn hier, — Du kennst die Reise!" 

wisperten die Weiden leise.


Jene beiden Ärmsten dort 

sind verwurzelt fest am Ort.

Ich kann irgendwann zurück, —

das ist unser beider Glück. 


©️ RKS 2020 

5.9.25

WENN ICH STERBE

 (Paarreime mit je weiblicher und männlicher Kadenz)


Legt keine Blumen mir an meinem Ende 

auf Stirn und Brust, noch auf die toten Hände. 

Ich brauch‘ kein Festgewand für jenen Gang,

nicht Klagen, Trauer oder Abgesang. 


Es führt mein Weg ja nicht in weite Ferne, 

werd‘ reisen nicht durchs All hinter die Sterne, 

mein Wesen wird, nur ohne Raum und Zeit, 

nah‘ bei euch sein im Reich der Ewigkeit. 


©️ RKS 2025 

WUNSCH AM ABEND

 (2mal vierzeilig, Kreuzreime, wechselnde Kadenz)


Rasch über Tal und Hügel 

der Tag nun westwärts flieht, 

die Nacht auf dunklem Flügel 

mit Sternen zu uns zieht.


Ich möcht' von Liebe singen 

süß auf der Laute dir, 

wollt' gern dein Haar umschlingen 

mit Rosen für und für. 


©️ RKS 2021 

LINDERUNG

(abbacca, umarmende Reime, stumpfe Kadenzen)


Ein Pfauenaug' in Sommerlüften hing,

und plötzlich wurd' selbst in mir heller Tag.

War auch kaum merklich seiner Flügel Schlag,

mein tiefer Schmerz empfand ihn, und verging.

Das machte mir die Seele still und heil.

Drum, liebster Falter, flieg' in froher Eil', 

derweil ich dir ein Lied zum Danke sing'!


©️ RKS 2021 

4.9.25

AUF DEM HEIMWEG

 

Leise sinkt die Nacht herein,
und ich geh‘ für mich allein
heimwärts durch die stillen Wälder. 

Von des Himmels dunkler Ferne
strahlt das milde Licht der Sterne,
und der Mond bescheint die Felder. 

Wie ich walle unter Bäumen,
hör‘ ich wie in nächt‘gen Träumen
Nachtigallenlieder klingen,

und ich geh’ dahin und lausche,
fühle plötzlich wie im Rausche
tiefe Sehnsucht in mich dringen. 

Ach, der Philomele Lieder
füllen mir den Busen wieder
mit der Liebe heißem Feuer. 

Das beschleunigt meine Schritte
hin wohl zu des Dorfes Mitte,
wo ein wohlbekannt‘ Gemäuer

birgt das Ziel all meines Strebens,
dich, du Liebe meines Lebens,
du mein wahres, ew’ges Glück.

©️ RKS 2019

3.9.25

DER HUND

 

Der Traum lädt mir
viel schwere Dinge auf,
die in grauen Taschen lastend 
in der morgenstillen Gasse
Rücken und Herz bedrücken. 
Jedes Mal begegnet mir 
ein erstaunlich junges Paar, 
weinend, doch sein seltsam 
greisenhafter Hund lächelt 
mir Tag für Tag zahnlos eine
geballte Heiterkeit zu, 
die mich pulsierend 
am Erwachen hindert. 


© RKS 2023

ALTERNATIVEN

 

Nicht Einsamkeit, nicht Stille 
suche ich in den Wäldern,
sondern mit Steinen und Bäumen
das tiefe, ew‘ge Gespräch,
das keiner Worte von Menschen bedarf! 

Nicht Gewalt, nicht Ungestümes
suche ich in den Wassern,
sondern in Bach, Fluss und Meeren 
die tiefe, unendliche Kraft,
die dem sanften Strömen entspringt!

© RKS 2024

GEBET IN DER FREMDE

 (Vierzeilig, zweistrophig, Kreuzreime)


Dort leuchten die Sterne ohn’ Ende,

doch Schlaf, den finde ich nicht,

ich falte zum Beten die Hände 

ganz regungslos in ihrem Licht. 


Meine Seele trat ohne zu schwanken

vor Gott, und nun ist sie zurück,

kennt seither nur einen Gedanken:

Ich wünsche sonst nichts als dein Glück!


©️ RKS 2025 

SCHAUERN

 (ABACAddBCA)


Tief in der Stille der Nacht

kommen so schwere Gedanken. 

Tief in der Stille der Nacht

gerät die Gewissheit ins Wanken. 

Tief in der Stille der Nacht, 

da du gedachtest zu rasten,

quälen dich Zweifel und Lasten,

kommen so schwere Gedanken,

gerät die Gewissheit ins Wanken. 

Tief in der Stille der Nacht …


©️ RKS 2025

2.9.25

ZUR NACHT IM GEBIRGE

(im Volkston)


Der Berg verdeckt das letzte Licht,

längst schummrig ist‘s im Tal,

des Waldes grünes Angesicht

verschwimmt und ist ganz fahl. 


Der Mond sichelt den Himmel auf,

dumpf klingt der Glocke Schlag, 

die Dunkelheit in stetem Lauf

ummantelt schwarz den Tag. 


Gar mancher sagt Gott seine Not,

auch was ihn sonst noch traf,

dankt demutsvoll für Tag und Brot,

und fleht um milden Schlaf. 


Im Riede seufzt ganz leis‘ der Wind,

streicht über Busch und Baum,

und schlafend fliegt wohl Kind um Kind

still lächelnd in den Traum. 


©️ RKS 2025 

WAS DICHTER TUN

 

Worte aufsammeln oder pflücken,

sie runderneuern, aufpolieren,

dann Moos ansetzen und

gepflegt verwittern lassen,

Mond und Sterne schon am 

hellerlichten Tag erkennen, und

die Sonne nachts noch sehen,

Gefühle riechen und Stimmungen

ertasten, Bilder ohne Pinsel,

Leinwand oder Papier malen, 

mit grellen Farben schreiben,

und sie ins Pastell gleiten lassen,

die Welt, das Leben und den Tod 

erkunden, forschen was dahinter kommt,

Gedanken befreien, die in uralten 

Pergamenten ihr Dasein fristen, 

andere Welten zu uns holen

aus Zeit und Raum und sonstwoher,

und das Ungehörte, Ungesagte, 

Geheime und Geheimnisvolle mit

kräftigen Flügeln heimwärts tragen,

und zu allem ein Fünkchen 

der eigenen Seele hinzugeben. 


©️ RKS 2025 

ENTSCHLOSSEN

 (Vierzeilig, dreistrophig, Kreuzreime)


Ich fühl‘ die Planke schwanken,

es rauscht das Wörtermeer,

verweht sind die Gedanken,

des Sinns beraubt und leer.


Den Sturm will ich ertragen 

mit der Verzweiflung Mut,

werd‘ in des Irrsinns Tagen

mich werfen in die Flut,


will teilen wilde Wellen, 

mich kämpfen an den Strand

der Wahrheit, zu den Quellen

von Einsicht und Verstand.


©️ RKS 2025 

1.9.25

BEREITSCHAFT

 

man sagte mir du

kämest und ich hielt mich

bereit und nun warte ich

mache seit nächten kein auge

zu um dich nicht zu verpassen und

suche und sammle gedanken worte sie

dir zu sagen wenn du kommst denn

man sagte mir du kämest und

so warte ich eben …


©️ RKS 2024 

FLÜGGE

 

Meinen Gedanken

sind Flügel gewachsen


Sie sind einfach

so davongeflogen


Zurück blieben nur

die Reste ihrer Schalen 


Und ich beginne

schon wieder

zu brüten …


©️ RKS 2020

ENTDECKUNG

 


Ich existierte
als Raumanomalie
in einem Zeitloch,
und bemerkte es,
als mich die innere Einsamkeit
näher in Augenschein nahm. 

Seither versuchen sie und ich,
die diversen Risse zu kitten. 

©️ RKS 2024

ANTIPSALM

 In Oświęcim*, Bełżec und Treblinka zu singen. 


Der „Herrenmensch“ ist mein Bewacher,
mir fehlt es an allem.

Auf der grünen Au habe ich keinen Zutritt,
und frisches Wasser ist mir versagt.

Er peinigt meinen Körper und meine Seele.

Er jagt mich von der Straße um meines Namens willen.

Da ich im Tal der Todesschatten dahinvegetiere,
befürchte ich das Schlimmste, denn er ist bei mir.

Sein Stock und seine Peitsche züchtigen mich.

Er baut für mich einen Galgen
und stellt mich vor Erschießungskommandos.

Er beströmt mich mit Gas und flößt mir Gift ein.

Böses und Unbarmherzigkeit werden mich mein Leben lang bis zum Tode verfolgen, 

und werde für immer kein Zuhause mehr haben.

©️ RKS 2020 

Der Text ist angelehnt an den berühmten 23. Psalm. Ich schrieb ihn bewusst am 27. Januar 2020, dem 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Die vorangestellte „Vortragsanweisung“ gilt über die genannten Orte hinaus für alle Stätten, an denen Millionen von Menschen von den nationalsozialistischen Verbrechern gemartert und ermordet wurden. 

AUF MEINER LIEBSTEN TOD VIII

 (Vierzeilig, vierstrophig, umarmende Reime)


Die Trauer brennt in mir,
sanft rauscht‘s vom Meeressaum.
Die Drossel singt im Baum,
ich sitz’ voll Sehnsucht hier. 

Das Denken geht zurück,
wie glücklich ich einst war,
so viele, schöne Jahr‘
mit Dir in trautem Glück. 

Heut’ scheint der Mond so fahl
dort an des Himmels Höhe.
Ach, mir ist ja so wehe
in meines Herzens Qual!

Die Trauer brennt in mir,
sanft rauscht‘s vom Meeressaum.
Die Drossel singt im Baum.
Ist es ein Gruß von Dir?

©️ RKS 2018

Geschrieben in Erinnerung an meine erste Frau, die 1997 starb, und deren Geburtstag heute wäre. 

ABENDLICHER ABSCHIED

 (Vierzeilig, vierstrophig, Kreuzreime)


Auf luftig weichen Flügeln
schwebt Wind über das Meer,
und hoch dort von den Hügeln
fließt Abendgold daher. 

Wir sitzen Seit‘ an Seite
ganz zärtlich, Hand in Hand,
und schauen in die Weite
fern über Meer und Land. 

Wie in den Abendlüften
so golden glänzt dein Haar
und mich berauscht mit Düften
so hold und wunderbar!

Voll Liebe wir uns schenken
verlangend Kuss um Kuss.
Wir wollen nicht dran denken,
dass bald ich scheiden muss.

©️ RKS 2019