30.9.26

TRAUMRUF

 

Des Käuzchens Ruf bei Nacht

vom Schatten naher Bäume,

schleicht sich ganz zart und sacht

in meine wilden Träume.

Er setzt mein Herz gefangen, 

raubt keck mir jede Ruh‘:

An einer soll ich hangen,

und das bist Du, nur Du!


©️ RKS 2026 


29.9.26

OMNIA CADUCA SUNT *

 

Ich ahne es: Nichts hat Bestand,

nicht Erd‘ noch Lüfte, Meer und Sand. 

Das Gestern still und heimlich schwand, 

das Morgen muss erst werden. 

Das Heute ist der Flecken Land, 

der aufragt aus der Flut der Zeiten. 

Die Stunde eilt, die Tage schreiten, 

ich fühl‘ das Leben mir entgleiten,

verrinnen meine Zeit auf Erden …

Ich bin gewiss: Nichts hat Bestand!


©️ RKS 2026 



*  Alles ist vergänglich 


28.9.26

EIN UNTERSCHIED

 

Осип Эмильевич* hat sie

wenigstens niedergeschrieben

und ich habe keine Надежда**

meine inexistenten Gedichte 

auswendig zu lernen

sie der Nachwelt zu bewahren

da ich sie nicht zu Papier bringe 

aber ich werde auch

nicht verfolgt


©️ RKS 2026 



*   Ossip Emiljewitsch (Vorname und Vatersname von Ossip Mandelstam)

** Nadeshda (Vorname seiner Frau), bedeutet: Hoffnung

24.9.26

UNBEMERKT

 

Der Wind treibt

Nachtwolken dahin. 

In einer Lücke dazwischen

glänzt silbern eine Sichel. 

Licht tropft leise

herab, rinnt still 

in meine Seele. 

Weder Wind noch

Wolken bemerken es. 


©️ RKS 2026 


ENIGMATISCH

 

Das Leben birgt vieltausend Fragen,

Geheimnisse, von Gott gestellt. 

Zu lösen gilt‘s in unsern Tagen

das größte Rätsel dieser Welt. 


Doch — wenn wir lieben, küssen, singen,

dann mag‘s gelingen!


©️ RKS 2026


SECRETS

 

Es kostete ihn

viel Zeit und Abwägung,

endlich zu entscheiden,

was selbst am helllichten Tag

besser im Dunkeln bleibt,

und was auch in der Nacht

nicht ans Licht kommen soll. 


©️ RKS 2026 


MATER NOSTRA *

 

Aus unseren Augen

leuchtet die Nacht. 

Wie letzter Dämmer

auf herbstlichen Beeren

quillt sie herab. 

Der Himmel ist unsere Heimat,

die Straßen sind unser Raum. 

Neue Nachrichten flüstert

uns der Wind entgegen,

und nimmt unsere Lieder mit. 

In unsere Hände 

schmiegt sich die Nacht,

ihre Kinder zu trösten, 

das Leid zu bedecken, 

und all unser Dunkel

still fortzutragen. 


©️ RKS 2026 



*  Unsere Mutter


20.9.26

MORGENS FRÜH

 

Im jungen Licht vor mir das Land,
sich dehnend bis zum Himmelsrand,
mit Vogelliedern reich beschenkt,
die Wiesen satt und taugetränkt,
die Äcker goldnen Wogen gleich,
der Wind voll Duft, die Luft so weich,

bald geht die Sonne strahlend auf,

und neu beginnt des Tages Lauf …


©️ RKS 2019

16.9.26

AUSCULTA ! *

 

Mich dünkt, es singt der Engelchor,

des Leids mich zu entheben, 

und ruft aus Tiefen selbst empor

mein innerstes Erleben. 


©️ RKS 2026 


* Horch!



11.9.26

ALTERNANCE *

 

Rasch nähert sich die Abendzeit,

da sich der Tag entfernt. 

Zur Nacht sinkt ein die Dunkelheit,

und zeigt sich reich besternt. 


©️ RKS 2026



* Wechsel

6.9.26

ERKENNTNIS II

 

Der Raum geht, weitet sich, expandiert. 

Die Zeit vergeht, verdichtet sich, kontrahiert. 

Und ich bin an beide gebunden. 

Wen wunderte da meine Zerrissenheit?!


©️ RKS 2025 

4.9.26

W 7

 

Ich bin irgendwer,

der irgendwo

irgendwem Verse 

für irgendwen aufschreibt,

die irgendwie 

auf irgendwas hindeuten,

das irgendwann

passieren könnte. 


©️ RKS 2026 


1.9.26

ERINNERUNG

 

noch immer

dieses helle Lachen

die Schaukel

die Wippe

die Rutsche


nur die Haare

sind jetzt grau


irgendein Griesgram 

ruft die Polizei


Spielverderber


©️ RKS 2026 


(NICHT) OHNE WORTE

 

längst ist unsere

Arche auf Grund

gelaufen kein Rabe 

keine Taube nur

glühende Sonne seit

ungezählten Tagen die

Menschen ertrinken jetzt

woanders aber nun

verhungern verdursten verrecken

tun stets genug 

und viele halten

das für normal 


©️ RKS 2026 


HEIMLICH

 

oberhalb 

des Friedhofs grasen

friedlich Kühe ungestört 

vom gleichmäßigen Drehen

der Windräder wandert

mein Blick immer

wieder verstohlen zu 

dir


©️ RKS 2026