31.8.25

UNGEZÜGELT

 

Man träumt sich bequem in die Illusion 

Alles schmeckt nach Galle riecht nach Lüge 

In ungebremster Realität vermodert das Idyll


Wirf es fort mit all seinen Irrlichtern

Es ist schwer genug Sein leicht zu nehmen

Kratz‘ mit dem Vorschlaghammer an der Fassade

des Lebens


©️ RKS 2025 

ALLTAG

 

Worte bauschen sich

um mich her inhaltlos

nur Geräusch berührungsfrei 

hänge an Fäden der 

Sinnsucht über dem Abgrund 

der Seele hoffend

er möge aufscheinen

im Belanglosen

enttäuscht


©️ RKS 2025 

BLUMENWIESE

 blumenwiese

federleicht

angeschmiegt

stolz aufgerichtet

der welt entgegen 

den blick erhoben

ungerührt vom himmel

bussardschrei


©️ RKS 2025 

ABENDGESANG

 

Nacht schleicht

heran mit Blick 

ins Dunkel Hoffnungen

vertagt nicht begraben

Lichtsehnsucht 

bewahren leben


©️ RKS 2025  

30.8.25

EGO SUM VITA

 

Der Tod ist groß. 

Doch einer ist größer;

es hält die Schlüssel der Unterwelt 

der Welten-, Seelen- und Menschheitserlöser,

der dem Tode das Leben entgegenhält. 


©️ RKS 2025 

29.8.25

UNBESEHEN

 (Übertragung eines Gedichts von Paul Hoy)


Ich werde die Stille eines

Rehwechsels annehmen, wie dieser

verschwinden, meinen Duft verlieren. 

Werde blind sein wie Birkenrindenaugen, 

den Geruch frischer Asche annehmend. 

Werde schlafen wie die Flechte 

auf dem Stein, träumend, 

jener Bach zu sein, der sich selbst

als Fluss sieht, in Erdtiefen 

fließend.


©️ RKS 2025 

(für die Übertragung aus dem Englischen)


Paul Hoy ist ein zeitgenössischer, kanadischer Dichter, dessen Gegenstand häufig die Natur, die Wildnis ist. 


Hier sein Gedicht im Original:


Sight Unseen


I will take on the silence 

of the deer trail, like it,

disappear, lose the scent of me.

I will be blind as birchbark eyes, 

possess the smell of new ash. I will 

sleep as lichen on stone and dream 

I am a creek that knows 

itself as a river flowing 

underground.


©️ Paul Hoy 

LETZTER BLICK

 

Bin voll Gram heraufgestiegen
auf den schmalen Gipfelgrat,
ließ zurück im Tale liegen,
was mein Herz berühret hat. 

Wortlos bist du fortgegangen,
die ich so geliebet hab‘,
ungestillt bleibt mein Verlangen,
was mir bleibt, ist nur ein Grab. 

Fortgefegt der Jugend Träume,
fort sind Freude, Glück und Glanz,
sinnentleert der Seele Räume, —
nur das Leid spielt auf zum Tanz. 

Was das Herz mir einst erhoben,
bleibt zurück im stillen Tal. —
Von dem schmalen Grat hier oben
grüß‘ ich es ein letztes Mal
.

©️ RKS 2019

ICH WILL …

 

Ich will kein Grab, wenn ich einst tot sein werde,
wohin man geht mit trauerndem Gemüt,
denn reich an vielen bunten Blumen blüht 
es irgendwo auf einem Fleckchen Erde. 

Die kann man still betrachten oder pflücken;
es sind die Worte, die ich nie geschrieben,
Gedichte, die von mir geschwiegen blieben.
Vielleicht mag eins davon ein Herz beglücken.

©️ RKS 2025

VERGEBENS

 (Gedanken eines Einsamen)


Stehe traurig hier am Strome,
Einsamkeit durchtränkt mein Sein,
tröstlich blinkt vom Himmelsdome
heller Sterne milder Schein. 

Doch mich dünkt, dass ich‘s nie lerne,
Glück zu spüren ohne sie,
darum ist, ihr liebsten Sterne,
auch vergebens eure Müh‘ ... 

©️ RKS 2020

WAS BLEIBT

(Vierzeiler, zwei Strophen, Kreuzreime, wechselnde Kadenz)


Was bleibt in unsrem Leben,
wenn alles von uns geht? -
Die Liebe, die wir geben,
das Lied, das in uns steht!

In dieser Liebe teilen
wir Lebenslust und Freud’,
und mit dem Liede heilen
wir Schmerz und Einsamkeit. 

©️ RKS 2019 

MEMENTO MORI II

 [einem Werk von Martin Opitz (1597-1639) nachempfunden]


Alles Dasein, es vergeht

wie der Wind, der still nie steht,

wie die Blume, kaum erblüht, 

welkend schon ihr Ende sieht,

wie die Welle, die am Strand

bald sich glättet dort im Sand. 

Drum dir stets vor Augen stelle:

Du gleichst Wind und Blum‘ und Welle!


©️ RKS 2025 

EIN LEBENSMOTTO

 

Ich will jeden Augenblick

in mich saugen bis zur Neige:

Himmel, Wolken, Blüten, Zweige,

buntes Leben, — reines Glück!


©️ RKS 2025 

28.8.25

KEIN STILLSTAND

 

irgendwo

irgendwann

zwischen Vorher und Nachher

versickert die Zeit 

im Jetzt

und dort ist der Ort

an dem sich das Sein manifestiert

nur scheinbar zu greifen

immer flüchtig

immer in Eile

nie stillstehend

und doch ein ganzes Leben


©️ RKS 2025 

VERSUCHEN ?

 

vielleicht sollte ich

Brosamen 

in der Schädelhalle

verstreuen

in der Hoffnung

Vögel

der Gedanken damit

anzulocken

doch ich fürchte


die Ratten des Zweifels


©️ RKS 2025 

TEMPORA

 BIS  JA  BIS


es so weit ist

verrinnt die Zeit 


die Rose erblüht

die Früchte wachsen

der Baum verdorrt


das Festgefahrene in

meinem Kopf sich löst

die Erkenntnis beginnt

im Herzen zu reifen


ich zu mir finde

Mensch wahrer 

Mensch werde


©️ RKS 2025  

27.8.25

DER EGOIST

 (Glücks-Superlativ)

Würde dich am liebsten

jeden Tag mehrmals verlassen, 

nur um immer wieder in den 

Genuss der Wiedersehensfreude 

zu kommen, und dadurch

mein Glück noch zu steigern. 


©️ RKS 2025 

DEMENTIA

 

die Zeit

das Sein 

: verfließt 


das Gelebte 

die Erinnerung

verrinnt ins Grau 

entschwindet wie Sand

durch ein Loch

ins Ungreifbare 


das eigene Sein

nimmt ab und ab

bis zuletzt

auch das Ich

verlorengeht 

unwiederbringlich 


werde mich hoffentlich 

dennoch vermissen


©️ RKS 2025 

WIEDER VORBEI

 

im verschatteten

bleigrau schwinden 

tage dahin gedenkend

im herzen scheinbar

besserer tage plötzlich

erinnerung sonne

kinderlachen schon

wieder vorbei


©️ RKS 2025