31.3.26

EDUCATION

 

Die Erhabenheit 

Größe und Würde

der gewaltigen Dünen

der namibischen Wüste lassen

mein kleinliches Denken

versanden und lehren

mich Stille


©️ RKS 2026 


VORSATZ

 

Vor der Größe der Berge

und der Tiefe der Canyons

wirken die Erhebungen

und Vertiefungen der

menschlichen Verfasstheit

so völlig bedeutungslos


Ich will die aus den Tiefen

sich erhebende Hoffnung

die von den Höhen fließende

Kraft und Ruhe

in mich saugen

und ihre Begrenzungen

als Weite in mich nehmen


©️ RKS 2026 


WEITE

 

Links des Weges

die Weite der Kalahari

rechts die ersten Ausläufer

der weiten Namib

darüber die Weite

des namibischen Himmels


In der Ferne 

ragen Berge auf

die das Auge nur streift

die den Blick aber

nicht festhalten sondern

sich in die Weite schmiegen


Man kann sich kaum vorstellen

wie ob dieser wunderbaren Weite

in den Herzen und Hirnen

soviel Enge sein kann


©️ RKS 2026 


28.3.26

LERNPROZESS

 

Noch macht es 

mir viel Mühe, 

die natürliche Gelassenheit 

der Schildkröte zu lernen,

aber ich möchte ein

gelehriger Schüler sein. 


©️ RKS 2026   


WATERHOLE ENCOUNTER

 

beinah lautlos tritt

der prächtige Kudu-Bulle

zwischen den Bäumen hervor

wittert und lauscht


schreitet majestätisch 

ans Wasserloch 

um zu trinken


seine Würde berührt 

mein Innerstes 


©️ RKS 2026 


AM WATERBERG

 

Auf uraltem, rotem Fels 

unter einem Baum sitzend,

sinniere ich in die endlose,

grüne Weite der Kalahari hinaus,

über der sich — ebenso endlos —

ein blauer, sonnendurchglühter Himmel

ausspannt, auf dem eine Wolkenherde

in aller Stille dahinzieht, 

jenes Schwere und Laute, 

das vielleicht noch in mir drängte, 

einfach mit sich nimmt, 

während um mich herum 

die Geräusche der Natur beruhigend

in meinen Geist fließen. 

Mein Herz fängt an zu singen. 


©️ RKS 2026         


SUDDEN RAIN

 

Ein plötzlich einsetzender

Regenschauer zieht den Vorhang

zur Ebene zu, und sein

lautes Trommeln

auf dem Wellblechdach

lässt in mir alles still werden. 


Nachdem die Natur 

sich eine kurze Atempause

gönnte, öffnet die Sonne

wieder den Blick ins Weit, —

innen wie außen. 


©️ RKS 2026    


AFRICAN NIGHT

 

Vom tiefschwarzen Nachthimmel 

blinkt mir unter den unzähligen Sternen

das Kreuz des Südens entgegen. 

Um mich her die Geräusche der Natur,

in mir zunehmend eine Fülle von Stille;

das Schwarz der afrikanischen Nacht

erhellt wundersam meine Seele. 


©️ RKS 2026   


VERANDERING *

 (Wechsel)


Wolken sperren die Sonne aus, 

der leichte Wind lässt mich

nach der Regendusche frösteln. 

Das warme Gefühl in mir wächst. 


Und wenn der Heimatstern sich

durch das Gewölk gefressen hat,

wird auch die Hitze zurückkommen. 

Ich werde dann beide wieder 

herzlich willkommen heißen. 


©️ RKS 2026     


* Afrikaans für ‚Wechsel, Veränderung‘


ONWEER *

 (Gewitter am Waterberg) 


Vor dem Fenster 

bildet das Wasser

des heftigen Gewitterschauers

eine regelmäßige Reihe

von Perlenschnüren. 

Der Wind zaubert mit dem Regen

ein Stakkato von Trommelwirbeln 

auf das blecherne Hüttendach. 

Vom nahen Plateau fällt krachend

Donnergrollen zu uns herab. 

Und dennoch nehmen 

in mir Ruhe und Frieden 

mit jedem Augenblick zu. 


©️ RKS 2026   


*  Afrikaans für ‚Gewitter, Unwetter‘


ENGESOHDE

 

unter alten bäumen

: ein steinernes heer 


namen und zahlen

: in formation erstarrt


über menschlichen resten

: geordnete felsstücke 


unbeteiligt schweigend aber 

: vogelgezwitscher


©️ RKS 2026 

17.3.26

LESEFEHLER

 

Immer, wenn ich versuche, 
in Deinem Gesicht zu lesen, 
tritt meine Legasthenie zutage.

©️ RKS 2026 

KONFLIKT IV

 

Nachdem Samson auf ihre Veranlassung die Haare geschnitten wurden, konnte er Delila einfach nicht mehr sehen. 

©️ RKS 2026 


TWIST

 

Als Orpheus sich kurz umdrehte,
verschwand Eurydike blitzschnell auf 
Nimmerwiedersehen. 

©️ RKS 2026 

PERDU

 

Als Brutus auch einen Stich machte,
war für Julius Caesar das Spiel zu Ende. 

©️ RKS 2026 

WIDERWILLEN

 

Seit dem Tag, an dem ihm Eva begegnete,
mochte Adam keine Rippchen mehr. 

©️ RKS 2026 

12.3.26

UFERSAUMSELIG

 
am omaha beach 
ans ufer gespült 

grüßt die pilgermuschel 
gefallene und wallfahrer 

mit einem stummen 
benedictus qui venit 
in nomine domini

©️ RKS 2024 
 

NUAGES NOCTURNES

 

Es zeigt sich mir hoch am nächtlichen Himmel 

ein sanftes Drängen, ein Schieben und Dehnen,

als wären die Lüfte erfüllet von Sehnen,

in ziehender Wolken dichtem Gewimmel. 


Es gleitet stumm und ganz ohne Hast

voll Majestät und Anmut ihr Flug

dahin in stetem, lautlosen Zug,

als wär‘ von Magneten er heimlich erfasst. 


Und plötzlich spür‘ ich im mondfahlen Glanz

ein Drängen, ein Glühen und Brennen im Herzen, 

als ob es gequält wär‘ von seltsamen Schmerzen,

als drehte die Seele selbst wild sich im Tanz. 


Das innere Stürmen wird sanfter und milder,

ist ebenso rasch, wie es hatte begonnen, 

den Sinnen entglitten, vergangen, zerronnen.

Ins Dunkel sinken die wogenden Bilder,


bevor noch den Sinnen gelingt ein Verstehen,

ein rasches, wenn auch nur ein flücht‘ges Begreifen. 

Ich ahne das Fühlen ins Dunkel entschweifen,

der Zauber, die Bilder entflieh‘n und vergehen. 


Verblasste Gefühle im Herzen nun gleiten

wie am Himmel die Wolken lautlos ins Leere. 

Wie jene enthoben der irdischen Schwere, 

zieh’n stille sie fort in die blauenden Weiten. 


©️ RKS 2026