8.7.26

DIE GESCHICHTE DER WELT (Glossar)

 Anhang zu 
„Die Geschichte der Welt“



Erklärungen zur „Ersten Sprache“


Bwan-Awa N‘yimbo  -  Meister der Lieder

(Bildung mit Verfremdung)

‚Bwana wa nyimbo‘ ist Swahili für „Meister der Lieder“


As-San‘a  -  Das Wort 

(Bildung mit Verfremdung)

‚sana‘ ist Finnisch für „das Wort“, das Präfix

as- dient nur der Verfremdung und bildet einen Pseudo-Artikel 


Wakar halitta  -  Lied der Schöpfung

Original aus Haussa (dort auch ein zentraler Schöpfungsmythos) 


Halittar haske  -  Erschaffung des Lichts

Original aus Haussa 


Halittar Awo N‘orun  -  Erschaffung der Himmel 

(Bildung mit Verfremdung)

‚halittar‘ ist Haussa für „Erschaffung“

‚awon orun‘ ist Yoruba für „die Himmel“ 


Pangera N’kane Afurnezh  -  Fürst des Lichtes und der Weisheit 

(Bildung mit Verfremdung)

,pangeran‘ ist Aceh für „Fürst“

,kanea‘ ist Twi (Akan) für „Licht“   und

,furnezh‘ ist Bretonisch für „Weisheit“


Saq al-Atentaras N‘aga  -  Fürst der Heere und der Kraft 

(Bildung mit Verfremdung)

‚saqala‘ ist Afar für „Häuptling“

‚tentara’ ist Betawi für „Heere“  und

‚snaga‘ ist Bosnisch für „Kraft“


Prodha N‘Kalaluul Aponya  -  Fürst der Begleiter und der Heilung 

(Bildung mit Verfremdung)

,prodhan’ ist Assamesisch für „Häuptling“

,kalalu‘ ist Afar für „Beschützer“

‚ulaponya‘ ist Dombe für „er heilt“


Owur A’ghoshan Aminyma  -  Fürst der Verkündigung und Botschaft 

(Bildung mit Verfremdung)

‚owura‘ ist Twi (Akan) für „Chef“

,ghoshana‘ ist Awadhi für „Verkündigung“ und

‚minyma’ ist Griechisch für „Botschaft“


E’mudo ar-Ditem’aùt  -  Tiefe des Dunkels und des Todes 

(Bildung mit Verfremdung)

‚emu do‘ ist Twi (Akan) für „Tiefe“

‚dite‘ ist Afar für „Dunkel“

‚maut‘ (ma‘ut) ist Awadhi für „Tod“       und 

das „ar-“ ist lediglich ein Pseudo-Artikel 


Halittar duniya  -  Erschaffung der Welt

Original aus Haussa


Halittar al-Manusyah  -  Erschaffung des Menschen  

(Bildung mit Verfremdung)

„halittar“ ist Haussa für ‚Erschaffung‘, 

„manusyah“ ist aus Hindi für ‚Mensch‘, eigentlich ‚Mann‘

„al-„  ist die Genitivform im Arabischen (eigentlich ein Artikel)


da Sunay E‘na-Bubuwa  -  und die Namen der Dinge  

(Bildung mit Verfremdung)

wörtlich Haussa: ‚da sunaye na abubuwa‘ 


Zam‘a Manusyah!  -  Sei ein Mensch!

(Bildung mit Verfremdung)

„zama“ ist Haussa für ‚werden‘ und kann auch ‚bleiben‘ bedeuten,

„manushya“ ist Sanskrit/Hindi für ‚Mensch‘

Anklang an die jiddische Aufforderung sich menschlich zu verhalten, Menschlichkeit (als Lebenshaltung) zu zeigen - Sej a Mentsh!


Ruw’an al-Hayaniya  -  Donnerwasser 

(Bildung mit Verfremdung)

„ruwan“ ist Haussa für ‚Wasser‘ (mit Genitiv-Endung, die durch das arabische Präfix al- letztlich gedoppelt wird), „hayaniya“ ist Haussa für ‚Lärm‘. Die Originalform in Haussa wäre ‚Ruwan hayaniya‘. 

Der Name bezeichnet den Sambesi (mit den [lärmenden] Victoriafällen). 


K‘ogindu Tse  -  Bergfluss / Jägerfluss

(Bildung durch Übertragung m. Verfremdung)

„kogin dutse“ ist Haussa für ‚steiniger Fluss‘ -

damit lassen sich (poetisch) sowohl der Niger als auch der Kongo umschreiben, die beide felsig (Stromschnellen) sind, aus den Bergen kommen, und traditionell Heimat von diversen Jäger-Kulturen sind/waren. 


K‘orema i-T‘sawo  -  Der lange Grüne

(Bildung mit Verfremdung)

„kore mai tsawo“ ist Haussa für (wörtlich)

‚grün der Lange‘ also: der Lange, der grün ist. 

Damit ist der Nil gemeint, der sich (als längster Fluss der Erde) wie ein grünes Band durch die (gelbe) Sahara zieht. 


 L‘Ambun Al-Janna  -  Paradiesgarten

(Bildung mit Verfremdung)

„lambun aljanna“ ist Haussa für „Garten des Paradieses“ (von ‚lambun‘ für Garten und ‚aljanna‘ für Paradies [aus dem Arabischen])


Botho  -  Mensch / Menschlichkeit

Original Setswana/ Sesotho


Awo N‘orun  - die Himmel 

(Bildung mit Verfremdung)

„Awon orun“ ist Yoruba für ‚die Himmel‘, wobei ‚orun‘ für Himmel steht, und ‚awon‘ die Pluralform bildet. 


Halittar mace  -  die Erschaffung der Frau 

Original Haussa


Rana  -  die Sonne

Original Haussa (dort auch ,der Tag‘)


Wata  -  der Mond

Original Haussa (dort auch ‚Monat‘)


Lilanga  -  der Tag 

(Bildung mit Verfremdung)

‚Ílanga‘ ist Xhosa für „der Tag (auch Sonne)“ 


Busuku  -  die Nacht 

(Bildung mit Verfremdung)

‚Ubusuku‘ ist Xhosa (auch Zulu) für „Nacht“


Baki D‘uhu  -  Lichtlose Nacht (Neumond)

(Bildung mit Verfremdung)

‚baki‘ ist Haussa für „schwarz“

‚duhu‘ ist Haussa für „Finsternis / Dunkelheit“

‚bakar duhu‘ wäre Haussa für „schwarze Finsternis“


Idanu N‘dare  -  Augen der Nacht (Sterne)

(Bildung mit Verfremdung)

‚idanun dare‘ ist Haussa für „Augen der Nacht“ 


As‘Uba  -  der Morgen (Morgendämmerung)

(Bildung mit Verfremdung)

‚asuba‘ ist Haussa für „der (frühe) Morgen“ 


Y‘amma  -  der Abend 

(Bildung mit Verfremdung)

‚yamma‘ ist Haussa für „Abend“


K‘ra  -  die Seele (Bildung mit Verfremdung)

‚kra‘ ist Fanti (Akan) für „Seele“ 


S‘unsum  -  der Geist (des Menschen)

(Bildung mit Verfremdung)

‚sunsum‘ ist Fanti (Akan) für „Geist (der Leib und Seele zusammenhält)“


Tsa‘La  -  Gefährtin (und [enge] Freundin)

(Bildung mit Verfremdung)

‚tsala‘ ist Setswana, Sesotho und Sepedi für „Gefährtin / treue Freundin / Wegbegleiterin“


Svapí  -  Schlaf ein!

Original Sanskrit - Imperativ von ,schlafen‘ 


Al-Ìyá  -  Mutter (Bildung mit Verfremdung)

‚ìyá‘ ist Yoruba für „Mutter“, das arabische Genitiv-/Artikel-Präfix ‚al‘ dient nur der Verfremdung 

Im Arabischen ist ‚Aliya‘ ein weibl. Vorname mit der Bedeutung „von hoher (edler) Herkunft / die Erhabene“ 


(…) tbc


©️ RKS 2026 


7.7.26

DIE GESCHICHTE DER WELT VI

 (Chronologisch zwischen III und IV)


Halittar al-Manusyah da 

Sunay E‘na-Bubuwa


Der Einzige, Ewig-Ungenannte, sprach zum Geist des Wortes, der selbst Wort war, und zu den Fürsten und Wesen unter dem Licht der Höhe: „Lasst uns ein Wesen schaffen unter dem Licht der Tiefe, das uns gleiche, damit es herrsche über alles, was dort das Sein hat!“ Und der Fürst des Lichtes und der Weisheit widersprach dem Einzigen, dem Ewig-Ungenannten, und hob an: „Wie sollte so etwas nützlich und gut sein?! Wir können selbst über alles, was unter dem Licht der Tiefe ist, herrschen und es führen.“ Und ein Schatten legte sich über ihn, und das Licht wich von ihm, zum Zeichen, dass er nicht mit dem Willen des Einzigen übereinstimmte. Voller Trauer sprach daraufhin der Einzige, Ewig-Ungenannte, zu ihm: „Du bist geschaffen, eigenen Willen in dir zu tragen, damit du selbst entscheiden kannst, ob du mit unserem Willen übereinstimmen willst. Und dir war gesagt, dass wir unter dem Licht der Höhe nur eines Willens sein können. Mit deinem Wort hast du dich aus dem Licht der Höhe, das mein Licht ist, entfernt. Darum ist hier kein Ort mehr für dich. Wer sich deinem Willen anschließt, mag an deiner Seite bleiben. Weil du aber der höchste aller Fürsten bist, gewähre ich dir, dass du mich jederzeit rufen darfst, und ich werde dir mein Antlitz und Ohr zuwenden, doch du wirst fortan keine Gemeinschaft mit uns haben. So geschehe es!“ Und der Fürst der Heere und der Kraft ergriff mit seinen Heerscharen ihn, und die ihm treu waren, und schaffte sie aus dem Licht der Höhe. Nach dem Willen des Einzigen, des Ewig-Ungenannten, wurde ihnen ein Ort in den finstersten Tiefen der Erde, weit unter jedem Licht der Tiefe, zugewiesen, den die Erste Sprache als „E’mudo ar-Ditem’aùt“ bezeichnete. 


Dann sprach der Einzige, Ewig-Ungenannte, zum Geist des Wortes, welcher Wort war: „Geh hin, nimm Erde und erschaffe ein Wesen, das uns gleiche, auf dass es den Dingen Namen verleihe, damit sie in Welt und Sein verbleiben. Es soll ihm alles unter dem Licht der Tiefe untertan sein, und er soll mit uns Gemeinschaft haben, wann immer wir im Licht der Tiefe weilen. So sei es!“


Da nahm der Geist des Wortes, der selbst Wort war, einen Klumpen Erde von der Stelle, an welcher sie am fruchtbarsten war, formte ihn zu jenem einzigartigen Wesen, das dem Einzigen, Ewig-Ungenannten in fast allem glich, sprach: „Zam‘a Manusyah!“, und blies ihn mit dem Hauch des Einzigen, Ewig-Ungenannten an, und das Wesen erstand zu Sein und Leben. 


Und der Einzige, Ewig-Ungenannte setzte das Wesen in ein wunderschönes, fruchtbares Tal, das gelegen war zwischen den Flüssen ‚Ruw’an al-Hayaniya‘, welcher auch „Das Donnerwasser“ genannt wird, und im Süden fließt, dem ‚K‘ogindu Tse’, den man oft „Bergfluss“ (aber auch „Fluss der Jäger“) nennt, welcher im Westen fließt, sowie dem ‚K‘orema i-T‘sawo‘, welcher dort auch „der lange Grüne“ genannt wird, und der im Osten fließt. Diesen Garten nannte die Alte Sprache ‚L‘Ambun Al-Janna‘. 


Und der Einzige, Ewig-Ungenannte sprach zu dem Wesen, das der Geist des Wortes, welcher Wort war, als ‚Manusyah‘ gerufen hatte: „Sieh, du bist geschaffen, dass du allen Dingen Namen gebest, auf dass sie in Welt und Sein bleiben. Du sollst ihr Herr sein, sie seien dir untertan. Dieses Tal soll dir Heimat sein. Der Geist aber des Wortes, welcher selbst Wort ist, soll dir alle Wesen und Dinge zeigen, auf dass du ihnen ihren Namen verleihest. Und jeden Abend will ich zu dir kommen, und die Welt mit deinen Augen betrachten, die Namen, welche du den Wesen und Dingen gegeben hast, in mich aufnehmen, damit sie auch in mir ihr Sein haben. Aber wisse: Dinge, denen du den Namen verweigerst, werden für alle Zeiten vergehen. Das Namenlose wird im endlosen Nichts versinken, und keiner wird sich dessen erinnern können. Doch in dich lege ich die Kraft, den Dingen mit ihren Namen Sinn und Sein zu geben. Diese Kraft in dir soll die Welt erhalten, wie ich sie für dich schuf. So sei es!“


Und das Wesen, das der Geist des Wortes, welcher selbst Wort war, erschaffen hatte, blickte auf und sprach: „Mein Name sei Botho. Dir aber, der du alles erschaffen hast, was war, was ist und sein wird, möchte ich deinen Namen in dein Ohr flüstern, und ihn dann für immer in meinem Herz verwahren, ihn meiner Zunge aber für alle Zeiten verweigern. Da du selbst Wort bist, kannst du niemals vergehen. Und mir sollst du der Einzige, der Ewig-Unbenannte sein, dass ich deinen wahren Namen niemals missbräuchlich nennen möge.“ Und er richtete sich auf zu dem Einzigen, dem Ewig-Unbenannten, und sprach: „Lass mich deinen  wahren Namen nicht aussprechen, sondern erblicke ihn in meinem Geist, und verbirg ihn dann in meinem Herzen, dass ich in meinem Herzen dir stets nahe sei, ohne deinen (wahren) Namen zu nennen!“ Und der Einzige, der Ewig-Ungenannte berührte Bothos Stirn, und verbarg den Namen, den er für sich in dessen Geist erblickte, tief in dessen Herzen, und versiegelte ihn dort, sodass selbst Botho ihn dort nur lesen konnte, wenn sein Herz völlig rein und voller Liebe war. 


Der Geist des Wortes, der selbst Wort war, und aus dem Einzigen, Ewig-Ungenannten hervorgegangen war, zeigte Botho alle Dinge und Wesen, die erschaffen waren, und dieser gab jedem Ding, es sei Stein, Pflanze oder lebendiges Wesen, seinen je eigenen Namen. Und des Abends kam der Einzige, Ewig-Ungenannte in das Tal L‘Ambun Al-Janna, vernahm die Namen alle, und nahm sie in sich auf, damit sie auch in ihm ihr Sein hätten. Und als Botho alle Dinge benannt hatte, sah der Einzige, Ewig-Ungenannte, dass damit die Welt vollkommen ins Sein getreten war, und sprach: „Nun ist alles, was unter dem Licht in der Höhe, im Schein des Lichtes der Tiefe ist, benannt und im Sein. Was im Licht der Höhe ist, in welchem ich lebe und walte, sollst du nicht benennen, denn es ist von mir und zu mir und durch mich benannt. Du kannst der Höhe, in der mein Licht ist, in welchem ich bin und walte, einem Namen verleihen, der dir zeigt, dass sie mir, dem Einzigen, Ewig-Ungenannten, auf Zeit ohne Zeit vorbehalten ist, auch wenn du sie allzeit zu sehen und zu erkennen vermagst.“ Und Botho nannte die Höhe, in der das Licht des Einzigen, Ewig-Ungenannten erstrahlte ,Awo-N‘orun‘.  


©️ RKS 2026



„Halittar al-Manusyah da Sunay E‘na-Bubuwa“

bedeutet ‚Die Erschaffung des Menschen und die Namen der Dinge‘. 


Anmerkung:

Die einzelnen Teile (I bis VI bzw. folgende)  von 

„Die Geschichte der Welt“ sollen später einmal zusammengefasst (und chronologisch geordnet) werden. Danach werden die Einzelabschnitte gelöscht werden. Noch stehen Verlauf und Ende nicht fest; weitere Informationen folgen noch. 

19.6.26

DER GRUFO

 

Der Grufo empft dux Wolgehurz

und astert urpfig blose.

Die Polke lüdert schwiebelknurz,

und pluckert eine Krose.


Da glurrt der Grufo föndelquilt,

ihm zwollt der Kümmy tranze,

doch ist die Polke omfestrillt,

und dregt sich omm die Klanze.


Dem Grufo glötzt der Knokus grim,

die Polke znirft den Krubel,

da walkt das Schnicker prödel flim, —

und Grufo glynzt der Schnubel.


©️ RKS 2022 


14.6.26

MATCHBOX

 

Matchbox


Auf dem Fußweg lagen Eicheln. Ein Mann wich ihnen sorgfältig aus, um sie nicht zu zertreten. Am Zebrastreifen überquerte er die Straße und ging nach links.  Etwas weiter betrat er ein Haus. Im zweiten Stock war seine Wohnung. Und dort begab er sich ins Wohnzimmer, das in seiner Vorstellung eine Theaterbühne war, auf der er Dramen, Komödien, das Herzzerreißende seines Lebens zum besten gab. Das große Panoramafenster war von dicken, bordeauxroten Vorhängen eingerahmt. Wenn er sie öffnete, waren die Menschen in den Wohnungen auf der anderen Straßenseite sein Publikum. Und im Publikum, des konnte man gewiss sein, saß immer auch ein missgelaunter Kritiker. Den galt es, für sich einzunehmen, zu überzeugen, seine Begeisterung zu entzünden. Ein Ding der Unmöglichkeit. 


Eine tiefe Erschöpfung und diese unendliche Müdigkeit machten es ihm schwer, manchmal gar unmöglich, Bücher, Zeitschriften und Journale zu lesen. Oder Musik zu hören. Schon gar keine mit Gesang. Das Fernsehen und die Nachrichten waren ihm ein Gräuel. Er schreckte vor dem Neuen, dem Unbekannten, dem Fremden, letztlich vor der gesamten Welt zurück. Er konnte das alles einfach nicht ertragen. Am liebsten hätte er zum Fenster hinausgebrüllt: „Lasst mich endlich in Ruhe und verschwindet!“ Er war Photojournalist bei einer großen Wochenzeitung, und von Berufs wegen stets auf der Suche nach Neuigkeiten, nach dem Interessanten, dem Packenden, dem Außergewöhnlichen, den Quotenbringern seines Metiers. Er wartete täglich auf den „Lucky Shot“. 


Doch nun hatte er beschlossen, eine weite Reise zu machen. Seine Angst verhinderte ein Reisen per Flugzeug, und so betrat er ein Reisebüro und buchte ein lange Zugfahrt irgendwo in den Süden. Das Ticket verstaute er umständlich, aber höchst sorgfältig in seiner Brieftasche. Er trug es beständig bei sich, färbte seine Haare schwarz und lackierte sich die Fingernägel mit Klarlack. Auf seine Zehennägel hatte er Nagellack in einer Farbe aufgetragen, die er als krapprot bezeichnet hätte. Abends nahm er im Restaurant lustlos ein Menü zu sich, und ging danach in eine der Bars der Stadt. Als er schließlich an der Theke saß, dachte er über sich nach, was ihm ebenso unangenehm wie die Welt erschien. In sich vernahm er also: „Jeden Tag höre ich Dinge, und sortiere sie in große Schubladen, riesige Schachteln, manche von enormer Größe, andere etwas weniger groß. Ich stamme aus gut situiertem Hause, meine Eltern sind weltläufige Menschen. Und dennoch fehlt es mir an der Größe des Denkens und Fühlens. Ich bin eben seinerzeit beim Kleinen, Unbedeutenden hängengeblieben. Meine Existenz würde in einer Streichholzschachtel ausreichend, ja, wohl üppig Platz finden.“ 

Und weil jemand, dessen Leben in einer Matchbox — er verwandte in Gedanken tatsächlich dieses Wort! — Platz fand, auf keinen Fall einfach den Zug besteigen und in den Süden fahren konnte, blieb er in der Stadt. Da war die Welt irgendwie auch bedrohlich, aber weniger als anderswo. 


©️ RKS 2022 


CONTACT

 




Bereits als Dreijähriger versuchte ich, mit meinen Mitmenschen durch feines Muskelzucken, durch minimale Augenbewegungen oder einzelne, aber inhaltsreiche Worte in Kontakt zu kommen, da ich doch gesellig sein wollte. Doch kaum einer (eigentlich gar keiner) konnte mich verstehen. Sie waren nur in der Lage, sich durch Gebrüll und verletzende Deutlichkeit, der selbst noch das Mindestmaß an Dezenz fehlte, zu artikulieren. Ihr lärmendes Geblöke gellte in meinen Ohren, verletzte meine Gefühle und beleidigte meinen Intellekt. Sie schienen allesamt das grauenhaft Laute, Rohe und Rücksichtslose zu präferieren, das mir ein absoluter Gräuel war, da es mir seelische und körperliche Schmerzen bereitete. 


Ich treibe wie auf einer Eisscholle durch das Meer der Zeit, entferne mich immer weiter von jenem Ufer, das sich in der Ferne flach, freudlos und fließend ausspannt, ohne dabei für mich an Deutlichkeit oder Schrecken zu verlieren. Um mich her bläht sich eine seltsame Stille, die von Angst durchsetzt und von Blut getränkt scheint; die zersetzenden Düfte strapazieren meine Geruchsnerven über die Maßen. 


Die Welt wurde zunehmend von einer blaßgrauen Haut überzogen, die alle Dinge zuwucherte. Ein farblos wirkendes Haus war völlig von ihr bedeckt, und ein blindes Fenster weckte mein Interesse. Der verwesende Finger einer Greisen- oder Kinderhand (wer bin ich, das sicher zu unterscheiden!) hatte dort ein kurzes Wort eingeritzt, das meine Neugier weckte. Im Vorübertreiben erhaschte ich einen flüchtigen Blick; dort stand in Majuskeln überdeutlich das Substantiv WUT geschrieben. 


Seit jenem Tage frage ich mich, ob dieses eine, kleine, starke und schöpferische Wörtlein nicht eine neue Welt über jener Tiefe, jenem Abgrund, in den mein Dasein gestürzt war, erschaffen könne. Und daher begann ich, Tag für Tag unzählige Wörter zu schreiben, den Klang des Dunkels zu malen, die Wasser des Himmels, die einen toten Wal vor mein Seelenfenster spülen, zum Rauschen zu bringen, Brücken, Burgen und Gebirge zu errichten, und der Sonne zu erklären, wie sie die Schatten aus den finsteren Wäldern kehren könne, deren glühendes Drohen mich ängstigt. Mir brummt der Schädel, wenn der Wind, den ich zu beschreiben versuche, die Blätter meiner geliebten Bücher durcheinanderwirbelt, und damit das letzte Geordnete in meiner Existenz einfach fortbläst …


©️ RKS 2026 


RENDEZVOUS

 

Ein Bus fährt durch die Landschaft, er hält an bestimmten Orten. Manchmal steigen Menschen aus oder ein. Der Busfahrer spricht kein Wort. Die einzelnen Haltestellen werden in orangeroter Leuchtschrift angezeigt, was die Tristesse noch verstärkt. In einem Dorf steigt der junge Mann ein. Er setzt sich und starrt auf die Anzeige. An der übernächsten Haltestelle steigt eine alte Frau aus. Der Bus fährt weiter. Nun ist der junge Mann der einzige Fahrgast. Draußen sieht er die Landschaft gemächlich vorübergleiten, als würde sie von Kulissenschiebern träge nach hinten getragen. 


Zwischen Äckern und Wiesen hat man, nicht weit vom Wald entfernt, eine Siedlung gebaut. Die Häuser sehen beinah alle gleich aus. Man könnte meinen, ein Trupp Soldaten oder Gendarmen stünden auf ein Schwätzchen beieinander. Einige Häuser sind noch nicht fertig. Die leeren Fenster wirken wie kleine Eingänge zu Höhlen, von denen man nicht weiß, wer oder was darinnen haust. Vor einem der Häuser sitzt das Mädchen auf einer Schaukel und beobachtet die Wolken. Die Mutter ist im Haus und bügelt die Wäsche. 


An der Straße zur Siedlung hält der Bus, und der junge Mann steigt aus. Er geht wortlos die Straße hinauf, die am frühen Nachmittag wie ausgestorben scheint. Die harmlosen Wolken vermitteln ein Gefühl von Idylle, das der junge Mann jedoch nicht wahrzunehmen scheint. Das Mädchen beobachtet noch immer die Wolken, und der junge Mann nähert sich dem Haus. Die Mutter fordert das Mädchen auf, ins Haus zu kommen. Das Mädchen hört nicht. Der junge Mann setzt sich auf den alten Gartenstuhl, und spricht es an. Das Mädchen achtet nicht auf seine Worte, wendet ihm auch den Blick nicht zu. Immer noch auf die Wolken schauend, sagt es mit monotoner Stimme zu ihm: „Vor ihnen kann sich keiner verstecken; sie sehen alles.“ Der junge Mann starrt das Mädchen wortlos an, steht mit einem Keuchen auf, und läuft in panischer Angst davon, sich immer wieder umschauend. Die Mutter ruft das Mädchen erneut. Es hüpft von der Schaukel und geht ins Haus. Unvermittelt beginnt es zu regnen. 


Die Mutter hat die gebügelte Wäsche in den Schrank geräumt. Eine Träne rinnt über ihr Gesicht, als das Mädchen sie fragt: „Warum kommt Julian nicht zurück? Ich habe ihn noch nie gesehen. Und er ist doch mein Bruder.“

Die Mutter sagt, sie wisse es nicht. Und denkt bei sich: „ Er hat ein Rendezvous. Mit Gott. Und das kann dauern …“


©️ RKS 2026 


11.6.26

RECHERCHE

 

In die See westlich des Denkens

will ich Richtung Insel der Zukunft

mein Netz hinauswerfen ins Nichts

es hängen an die Bojen der Imagination,

beschweren mit Gewichten des Seins,

und des harren, in dem ich mich

sinnend verfangen werde. 


©️ RKS 2026 


MERKSATZ

 

Wünschst du dir ein reiches Leben,

setze ganz auf Phantasie,

lass den Geist ins Bunte schweben!

Gut und Geld erreichen‘s nie. 


©️ RKS 2026 


10.6.26

ABZÄHLVERS

 

Eins und zwei und drei,

wer ist wirklich frei? -


vier, fünf, sechs und sieben, -

und wer je frei geblieben? -


acht und neun und zehn, -

Du Glücklicher darfst geh'n!


©️ RKS 2018


9.6.26

UNTERSCHIED

 
Der Eine gibt 
im Café unverschämt
herablassend ein enormes
Trinkgeld

Der Andere trägt 
in der Stadt verschämt
Latexhandschuhe und angelt
Pfandflaschen aus 
Müllbehältern

Der Eine
ist angesehener 

©️ RKS 2026 


JUST IN TIME

 
Der Moment 
berührt das Hier

Hellblutrot schmiegen sich
unsere Lippen 
an das was Sein 
sein könnte

Zeit verschwimmt 
rinnt ins Bodenlose 

Mitten im Augenblick
Zukunft

©️ RKS 2026 


4.6.26

VERHÖR(T)

 

Neulich erzählte mir ein Mann, der mir flüchtig bekannt war, dass er seiner Ansicht nach doch "einen besonderen Tumor" habe, was mich einigermaßen bestürzte. 


Auf meine Nachfrage stellte sich heraus, dass ich einem Hörfehler aufgesessen war. Der Mann hatte von seinem "besonderen Humor" geredet, was ich als ausgesprochen lachhaft empfand. 


©️ RKS 2024 



3.6.26

FEHLFUNKTION ?

 

Kürzlich fasste ich einen Gedanken,
musste ihn aber nach mehreren Versuchen
wieder fallenlassen, denn er funktionierte
einfach nicht. Der Gedanke war kaputt. 
Und eine Reparatur lohnte sich nicht. 

©️ RKS 2020 

DIE GESCHICHTE DER WELT V

 (chronologisch zwischen II und III)


Halittar Awo-N‘orun 


Aus dem Einzigen, dem Ewig-Ungenannten, und dem Geist des Wortes, ging hervor all das Unaussprechliche, welches im Licht der Höhe waltet, und das nur in ihnen, die selbst Wort sind, das Sein hat.


Der Einzige, der Ewig-Ungenannte, ordnete, was im Licht der Höhe das Sein hatte, von welchen der Geist des Wortes, welcher selbst Wort war, das Licht der Tiefe geschieden hatte. 


Alle Sphären und Wesen im Licht der Höhe rief der Einzige, Ewig-Ungenannte allein kraft seines Willens hervor, und in ihm haben sie ihre Namen und ihr Sein, und weil im Licht der Höhe ein Vergehen oder Vergessen unmöglich ist, gleichen sie in ihrer Unvergänglichkeit dem Einzigen, Ewig-Ungenannten, und dem Geist des Wortes, welcher selbst Wort ist, und welche jenseits aller Zeit wesen und walten, selbst wenn einst unter dem Licht der Tiefe jenes letzte Wort erschallen wird, mit und an welchem alles vergehen wird.


©️ RKS 2026 


1.6.26

DIE GESCHICHTE DER WELT IV

 

Halittar mace


Botho hatte alle Dinge benannt. So hatte er das Licht des Tages ‚Rana‘, und das Licht der Nacht ‚Wata‘ genannt. Die Zeit, in der das Licht des Tages am Himmel stand, nannte er ‚Lilanga‘, und die Zeit, in der das Licht der Nacht herrschte, nannte er ‚Busuku‘. Wenn sich das Licht der Nacht verbarg, nannte er die lichtlose Nacht ‚Baki D‘uhu‘. Und die Sterne, welche zu den Lichtern des Tages gehörten, und die ihm während ‚Baki D‘uhu‘ besonders deutlich den Weg zum Tag wiesen, nannte er ‚Idanu N‘dare‘. Wenn die Nacht vor dem Tage floh, nannte Botho das ‚As‘Uba‘, und den Übergang vom Tag zur Nacht war ‚Y‘amma‘. Und immer zu ‚Y‘amma‘ kam der Einzige, Ewig-Unbenannte zu ihm in den Garten, wandelte und sprach dort mit ihm. 


Der Einzige, Ewig-Ungenannte sprach eines Tages zu dem Geist des Wortes, welcher selbst Wort war: „Der ‚Manusyah‘ ist einsam, und soll nicht länger alleine sein, denn das ist nicht gut für sein ‚K‘ra‘ und schlecht für den ‚S‘unsum‘ in ihm. Gib ihm einen tiefen Schlaf, und mache ihm eine ‚Tsa‘La‘, ein Wesen, das ihm entspricht!“


Und der Geist des Wortes, welcher selbst Wort war, hauchte Botho an und sprach: „Svapi!“, und der ‚Manusyah‘ sank in einen tiefen Schlaf. Da nahm der Geist des Wortes, der selbst Wort war, Teile von seinem Bein, und Stücke von seinem Fleisch, dann heilte er ihn, und verschloss wieder alles. Aus den Stücken von Bein und Fleisch aber formte er ein Wesen, das schön anzusehen war, blies es an, damit es Leben erhielt, und legte es schlafend neben Botho, dass dieser es bei beider Erwachen benenne. 


Und als Botho von seinem tiefen Schlaf erwachte, erblickte er neben sich das schöne Wesen, das ihm zugesellt war, und war voller Freude. Er besah es sich lange, nahm es an der Hand, so dass es ebenfalls die Augen aufschlug und erwachte. Sofort gewannen sie einander lieb, und Botho nannte sie ,Al-Ìyá‘. Und sie gingen Hand in Hand durch den Garten ‚L’Ambun Al-Janna‘, waren glücklich und freuten sich des Lebens  


©️ RKS 2026 


(…) tbc