Matchbox
Auf dem Fußweg lagen Eicheln. Ein Mann wich ihnen sorgfältig aus, um sie nicht zu zertreten. Am Zebrastreifen überquerte er die Straße und ging nach links. Etwas weiter betrat er ein Haus. Im zweiten Stock war seine Wohnung. Und dort begab er sich ins Wohnzimmer, das in seiner Vorstellung eine Theaterbühne war, auf der er Dramen, Komödien, das Herzzerreißende seines Lebens zum besten gab. Das große Panoramafenster war von dicken, bordeauxroten Vorhängen eingerahmt. Wenn er sie öffnete, waren die Menschen in den Wohnungen auf der anderen Straßenseite sein Publikum. Und im Publikum, des konnte man gewiss sein, saß immer auch ein missgelaunter Kritiker. Den galt es, für sich einzunehmen, zu überzeugen, seine Begeisterung zu entzünden. Ein Ding der Unmöglichkeit.
Eine tiefe Erschöpfung und diese unendliche Müdigkeit machten es ihm schwer, manchmal gar unmöglich, Bücher, Zeitschriften und Journale zu lesen. Oder Musik zu hören. Schon gar keine mit Gesang. Das Fernsehen und die Nachrichten waren ihm ein Gräuel. Er schreckte vor dem Neuen, dem Unbekannten, dem Fremden, letztlich vor der gesamten Welt zurück. Er konnte das alles einfach nicht ertragen. Am liebsten hätte er zum Fenster hinausgebrüllt: „Lasst mich endlich in Ruhe und verschwindet!“ Er war Photojournalist bei einer großen Wochenzeitung, und von Berufs wegen stets auf der Suche nach Neuigkeiten, nach dem Interessanten, dem Packenden, dem Außergewöhnlichen, den Quotenbringern seines Metiers. Er wartete täglich auf den „Lucky Shot“.
Doch nun hatte er beschlossen, eine weite Reise zu machen. Seine Angst verhinderte ein Reisen per Flugzeug, und so betrat er ein Reisebüro und buchte ein lange Zugfahrt irgendwo in den Süden. Das Ticket verstaute er umständlich, aber höchst sorgfältig in seiner Brieftasche. Er trug es beständig bei sich, färbte seine Haare schwarz und lackierte sich die Fingernägel mit Klarlack. Auf seine Zehennägel hatte er Nagellack in einer Farbe aufgetragen, die er als krapprot bezeichnet hätte. Abends nahm er im Restaurant lustlos ein Menü zu sich, und ging danach in eine der Bars der Stadt. Als er schließlich an der Theke saß, dachte er über sich nach, was ihm ebenso unangenehm wie die Welt erschien. In sich vernahm er also: „Jeden Tag höre ich Dinge, und sortiere sie in große Schubladen, riesige Schachteln, manche von enormer Größe, andere etwas weniger groß. Ich stamme aus gut situiertem Hause, meine Eltern sind weltläufige Menschen. Und dennoch fehlt es mir an der Größe des Denkens und Fühlens. Ich bin eben seinerzeit beim Kleinen, Unbedeutenden hängengeblieben. Meine Existenz würde in einer Streichholzschachtel ausreichend, ja, wohl üppig Platz finden.“
Und weil jemand, dessen Leben in einer Matchbox — er verwandte in Gedanken tatsächlich dieses Wort! — Platz fand, auf keinen Fall einfach den Zug besteigen und in den Süden fahren konnte, blieb er in der Stadt. Da war die Welt irgendwie auch bedrohlich, aber weniger als anderswo.
©️ RKS 2022
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