14.6.26

RENDEZVOUS

 

Ein Bus fährt durch die Landschaft, er hält an bestimmten Orten. Manchmal steigen Menschen aus oder ein. Der Busfahrer spricht kein Wort. Die einzelnen Haltestellen werden in orangeroter Leuchtschrift angezeigt, was die Tristesse noch verstärkt. In einem Dorf steigt der junge Mann ein. Er setzt sich und starrt auf die Anzeige. An der übernächsten Haltestelle steigt eine alte Frau aus. Der Bus fährt weiter. Nun ist der junge Mann der einzige Fahrgast. Draußen sieht er die Landschaft gemächlich vorübergleiten, als würde sie von Kulissenschiebern träge nach hinten getragen. 


Zwischen Äckern und Wiesen hat man, nicht weit vom Wald entfernt, eine Siedlung gebaut. Die Häuser sehen beinah alle gleich aus. Man könnte meinen, ein Trupp Soldaten oder Gendarmen stünden auf ein Schwätzchen beieinander. Einige Häuser sind noch nicht fertig. Die leeren Fenster wirken wie kleine Eingänge zu Höhlen, von denen man nicht weiß, wer oder was darinnen haust. Vor einem der Häuser sitzt das Mädchen auf einer Schaukel und beobachtet die Wolken. Die Mutter ist im Haus und bügelt die Wäsche. 


An der Straße zur Siedlung hält der Bus, und der junge Mann steigt aus. Er geht wortlos die Straße hinauf, die am frühen Nachmittag wie ausgestorben scheint. Die harmlosen Wolken vermitteln ein Gefühl von Idylle, das der junge Mann jedoch nicht wahrzunehmen scheint. Das Mädchen beobachtet noch immer die Wolken, und der junge Mann nähert sich dem Haus. Die Mutter fordert das Mädchen auf, ins Haus zu kommen. Das Mädchen hört nicht. Der junge Mann setzt sich auf den alten Gartenstuhl, und spricht es an. Das Mädchen achtet nicht auf seine Worte, wendet ihm auch den Blick nicht zu. Immer noch auf die Wolken schauend, sagt es mit monotoner Stimme zu ihm: „Vor ihnen kann sich keiner verstecken; sie sehen alles.“ Der junge Mann starrt das Mädchen wortlos an, steht mit einem Keuchen auf, und läuft in panischer Angst davon, sich immer wieder umschauend. Die Mutter ruft das Mädchen erneut. Es hüpft von der Schaukel und geht ins Haus. Unvermittelt beginnt es zu regnen. 


Die Mutter hat die gebügelte Wäsche in den Schrank geräumt. Eine Träne rinnt über ihr Gesicht, als das Mädchen sie fragt: „Warum kommt Julian nicht zurück? Ich habe ihn noch nie gesehen. Und er ist doch mein Bruder.“

Die Mutter sagt, sie wisse es nicht. Und denkt bei sich: „ Er hat ein Rendezvous. Mit Gott. Und das kann dauern …“


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