14.6.26

MATCHBOX

 

Matchbox


Auf dem Fußweg lagen Eicheln. Ein Mann wich ihnen sorgfältig aus, um sie nicht zu zertreten. Am Zebrastreifen überquerte er die Straße und ging nach links.  Etwas weiter betrat er ein Haus. Im zweiten Stock war seine Wohnung. Und dort begab er sich ins Wohnzimmer, das in seiner Vorstellung eine Theaterbühne war, auf der er Dramen, Komödien, das Herzzerreißende seines Lebens zum besten gab. Das große Panoramafenster war von dicken, bordeauxroten Vorhängen eingerahmt. Wenn er sie öffnete, waren die Menschen in den Wohnungen auf der anderen Straßenseite sein Publikum. Und im Publikum, des konnte man gewiss sein, saß immer auch ein missgelaunter Kritiker. Den galt es, für sich einzunehmen, zu überzeugen, seine Begeisterung zu entzünden. Ein Ding der Unmöglichkeit. 


Eine tiefe Erschöpfung und diese unendliche Müdigkeit machten es ihm schwer, manchmal gar unmöglich, Bücher, Zeitschriften und Journale zu lesen. Oder Musik zu hören. Schon gar keine mit Gesang. Das Fernsehen und die Nachrichten waren ihm ein Gräuel. Er schreckte vor dem Neuen, dem Unbekannten, dem Fremden, letztlich vor der gesamten Welt zurück. Er konnte das alles einfach nicht ertragen. Am liebsten hätte er zum Fenster hinausgebrüllt: „Lasst mich endlich in Ruhe und verschwindet!“ Er war Photojournalist bei einer großen Wochenzeitung, und von Berufs wegen stets auf der Suche nach Neuigkeiten, nach dem Interessanten, dem Packenden, dem Außergewöhnlichen, den Quotenbringern seines Metiers. Er wartete täglich auf den „Lucky Shot“. 


Doch nun hatte er beschlossen, eine weite Reise zu machen. Seine Angst verhinderte ein Reisen per Flugzeug, und so betrat er ein Reisebüro und buchte ein lange Zugfahrt irgendwo in den Süden. Das Ticket verstaute er umständlich, aber höchst sorgfältig in seiner Brieftasche. Er trug es beständig bei sich, färbte seine Haare schwarz und lackierte sich die Fingernägel mit Klarlack. Auf seine Zehennägel hatte er Nagellack in einer Farbe aufgetragen, die er als krapprot bezeichnet hätte. Abends nahm er im Restaurant lustlos ein Menü zu sich, und ging danach in eine der Bars der Stadt. Als er schließlich an der Theke saß, dachte er über sich nach, was ihm ebenso unangenehm wie die Welt erschien. In sich vernahm er also: „Jeden Tag höre ich Dinge, und sortiere sie in große Schubladen, riesige Schachteln, manche von enormer Größe, andere etwas weniger groß. Ich stamme aus gut situiertem Hause, meine Eltern sind weltläufige Menschen. Und dennoch fehlt es mir an der Größe des Denkens und Fühlens. Ich bin eben seinerzeit beim Kleinen, Unbedeutenden hängengeblieben. Meine Existenz würde in einer Streichholzschachtel ausreichend, ja, wohl üppig Platz finden.“ 

Und weil jemand, dessen Leben in einer Matchbox — er verwandte in Gedanken tatsächlich dieses Wort! — Platz fand, auf keinen Fall einfach den Zug besteigen und in den Süden fahren konnte, blieb er in der Stadt. Da war die Welt irgendwie auch bedrohlich, aber weniger als anderswo. 


©️ RKS 2022 


CONTACT

 




Bereits als Dreijähriger versuchte ich, mit meinen Mitmenschen durch feines Muskelzucken, durch minimale Augenbewegungen oder einzelne, aber inhaltsreiche Worte in Kontakt zu kommen, da ich doch gesellig sein wollte. Doch kaum einer (eigentlich gar keiner) konnte mich verstehen. Sie waren nur in der Lage, sich durch Gebrüll und verletzende Deutlichkeit, der selbst noch das Mindestmaß an Dezenz fehlte, zu artikulieren. Ihr lärmendes Geblöke gellte in meinen Ohren, verletzte meine Gefühle und beleidigte meinen Intellekt. Sie schienen allesamt das grauenhaft Laute, Rohe und Rücksichtslose zu präferieren, das mir ein absoluter Gräuel war, da es mir seelische und körperliche Schmerzen bereitete. 


Ich treibe wie auf einer Eisscholle durch das Meer der Zeit, entferne mich immer weiter von jenem Ufer, das sich in der Ferne flach, freudlos und fließend ausspannt, ohne dabei für mich an Deutlichkeit oder Schrecken zu verlieren. Um mich her bläht sich eine seltsame Stille, die von Angst durchsetzt und von Blut getränkt scheint; die zersetzenden Düfte strapazieren meine Geruchsnerven über die Maßen. 


Die Welt wurde zunehmend von einer blaßgrauen Haut überzogen, die alle Dinge zuwucherte. Ein farblos wirkendes Haus war völlig von ihr bedeckt, und ein blindes Fenster weckte mein Interesse. Der verwesende Finger einer Greisen- oder Kinderhand (wer bin ich, das sicher zu unterscheiden!) hatte dort ein kurzes Wort eingeritzt, das meine Neugier weckte. Im Vorübertreiben erhaschte ich einen flüchtigen Blick; dort stand in Majuskeln überdeutlich das Substantiv WUT geschrieben. 


Seit jenem Tage frage ich mich, ob dieses eine, kleine, starke und schöpferische Wörtlein nicht eine neue Welt über jener Tiefe, jenem Abgrund, in den mein Dasein gestürzt war, erschaffen könne. Und daher begann ich, Tag für Tag unzählige Wörter zu schreiben, den Klang des Dunkels zu malen, die Wasser des Himmels, die einen toten Wal vor mein Seelenfenster spülen, zum Rauschen zu bringen, Brücken, Burgen und Gebirge zu errichten, und der Sonne zu erklären, wie sie die Schatten aus den finsteren Wäldern kehren könne, deren glühendes Drohen mich ängstigt. Mir brummt der Schädel, wenn der Wind, den ich zu beschreiben versuche, die Blätter meiner geliebten Bücher durcheinanderwirbelt, und damit das letzte Geordnete in meiner Existenz einfach fortbläst …


©️ RKS 2026 


RENDEZVOUS

 

Ein Bus fährt durch die Landschaft, er hält an bestimmten Orten. Manchmal steigen Menschen aus oder ein. Der Busfahrer spricht kein Wort. Die einzelnen Haltestellen werden in orangeroter Leuchtschrift angezeigt, was die Tristesse noch verstärkt. In einem Dorf steigt der junge Mann ein. Er setzt sich und starrt auf die Anzeige. An der übernächsten Haltestelle steigt eine alte Frau aus. Der Bus fährt weiter. Nun ist der junge Mann der einzige Fahrgast. Draußen sieht er die Landschaft gemächlich vorübergleiten, als würde sie von Kulissenschiebern träge nach hinten getragen. 


Zwischen Äckern und Wiesen hat man, nicht weit vom Wald entfernt, eine Siedlung gebaut. Die Häuser sehen beinah alle gleich aus. Man könnte meinen, ein Trupp Soldaten oder Gendarmen stünden auf ein Schwätzchen beieinander. Einige Häuser sind noch nicht fertig. Die leeren Fenster wirken wie kleine Eingänge zu Höhlen, von denen man nicht weiß, wer oder was darinnen haust. Vor einem der Häuser sitzt das Mädchen auf einer Schaukel und beobachtet die Wolken. Die Mutter ist im Haus und bügelt die Wäsche. 


An der Straße zur Siedlung hält der Bus, und der junge Mann steigt aus. Er geht wortlos die Straße hinauf, die am frühen Nachmittag wie ausgestorben scheint. Die harmlosen Wolken vermitteln ein Gefühl von Idylle, das der junge Mann jedoch nicht wahrzunehmen scheint. Das Mädchen beobachtet noch immer die Wolken, und der junge Mann nähert sich dem Haus. Die Mutter fordert das Mädchen auf, ins Haus zu kommen. Das Mädchen hört nicht. Der junge Mann setzt sich auf den alten Gartenstuhl, und spricht es an. Das Mädchen achtet nicht auf seine Worte, wendet ihm auch den Blick nicht zu. Immer noch auf die Wolken schauend, sagt es mit monotoner Stimme zu ihm: „Vor ihnen kann sich keiner verstecken; sie sehen alles.“ Der junge Mann starrt das Mädchen wortlos an, steht mit einem Keuchen auf, und läuft in panischer Angst davon, sich immer wieder umschauend. Die Mutter ruft das Mädchen erneut. Es hüpft von der Schaukel und geht ins Haus. Unvermittelt beginnt es zu regnen. 


Die Mutter hat die gebügelte Wäsche in den Schrank geräumt. Eine Träne rinnt über ihr Gesicht, als das Mädchen sie fragt: „Warum kommt Julian nicht zurück? Ich habe ihn noch nie gesehen. Und er ist doch mein Bruder.“

Die Mutter sagt, sie wisse es nicht. Und denkt bei sich: „ Er hat ein Rendezvous. Mit Gott. Und das kann dauern …“


©️ RKS 2026 


11.6.26

RECHERCHE

 

In die See westlich des Denkens

will ich Richtung Insel der Zukunft

mein Netz hinauswerfen ins Nichts

es hängen an die Bojen der Imagination,

beschweren mit Gewichten des Seins,

und des harren, in dem ich mich

sinnend verfangen werde. 


©️ RKS 2026 


MERKSATZ

 

Wünschst du dir ein reiches Leben,

setze ganz auf Phantasie,

lass den Geist ins Bunte schweben!

Gut und Geld erreichen‘s nie. 


©️ RKS 2026 


10.6.26

ABZÄHLVERS

 

Eins und zwei und drei,

wer ist wirklich frei? -


vier, fünf, sechs und sieben, -

und wer je frei geblieben? -


acht und neun und zehn, -

Du Glücklicher darfst geh'n!


©️ RKS 2018


9.6.26

UNTERSCHIED

 
Der Eine gibt 
im Café unverschämt
herablassend ein enormes
Trinkgeld

Der Andere trägt 
in der Stadt verschämt
Latexhandschuhe und angelt
Pfandflaschen aus 
Müllbehältern

Der Eine
ist angesehener 

©️ RKS 2026 


JUST IN TIME

 
Der Moment 
berührt das Hier

Hellblutrot schmiegen sich
unsere Lippen 
an das was Sein 
sein könnte

Zeit verschwimmt 
rinnt ins Bodenlose 

Mitten im Augenblick
Zukunft

©️ RKS 2026 


4.6.26

VERHÖR(T)

 

Neulich erzählte mir ein Mann, der mir flüchtig bekannt war, dass er seiner Ansicht nach doch "einen besonderen Tumor" habe, was mich einigermaßen bestürzte. 


Auf meine Nachfrage stellte sich heraus, dass ich einem Hörfehler aufgesessen war. Der Mann hatte von seinem "besonderen Humor" geredet, was ich als ausgesprochen lachhaft empfand. 


©️ RKS 2024 



3.6.26

FEHLFUNKTION ?

 

Kürzlich fasste ich einen Gedanken,
musste ihn aber nach mehreren Versuchen
wieder fallenlassen, denn er funktionierte
einfach nicht. Der Gedanke war kaputt. 
Und eine Reparatur lohnte sich nicht. 

©️ RKS 2020 

DIE GESCHICHTE DER WELT V

 (chronologisch zwischen II und III)


Halittar Awo-N‘orun 


Aus dem Einzigen, dem Ewig-Ungenannten, und dem Geist des Wortes, ging hervor all das Unaussprechliche, welches im Licht der Höhe waltet, und das nur in ihnen, die selbst Wort sind, das Sein hat.


Der Einzige, der Ewig-Ungenannte, ordnete, was im Licht der Höhe das Sein hatte, von welchen der Geist des Wortes, welcher selbst Wort war, das Licht der Tiefe geschieden hatte. 


Alle Sphären und Wesen im Licht der Höhe rief der Einzige, Ewig-Ungenannte allein kraft seines Willens hervor, und in ihm haben sie ihre Namen und ihr Sein, und weil im Licht der Höhe ein Vergehen oder Vergessen unmöglich ist, gleichen sie in ihrer Unvergänglichkeit dem Einzigen, Ewig-Ungenannten, und dem Geist des Wortes, welcher selbst Wort ist, und welche jenseits aller Zeit wesen und walten, selbst wenn einst unter dem Licht der Tiefe jenes letzte Wort erschallen wird, mit und an welchem alles vergehen wird.


©️ RKS 2026 


1.6.26

DIE GESCHICHTE DER WELT IV

 

Halittar mace


Botho hatte alle Dinge benannt. So hatte er das Licht des Tages ‚Rana‘, und das Licht der Nacht ‚Wata‘ genannt. Die Zeit, in der das Licht des Tages am Himmel stand, nannte er ‚Lilanga‘, und die Zeit, in der das Licht der Nacht herrschte, nannte er ‚Busuku‘. Wenn sich das Licht der Nacht verbarg, nannte er die lichtlose Nacht ‚Baki D‘uhu‘. Und die Sterne, welche zu den Lichtern des Tages gehörten, und die ihm während ‚Baki D‘uhu‘ besonders deutlich den Weg zum Tag wiesen, nannte er ‚Idanu N‘dare‘. Wenn die Nacht vor dem Tage floh, nannte Botho das ‚As‘Uba‘, und den Übergang vom Tag zur Nacht war ‚Y‘amma‘. Und immer zu ‚Y‘amma‘ kam der Einzige, Ewig-Unbenannte zu ihm in den Garten, wandelte und sprach dort mit ihm. 


Der Einzige, Ewig-Ungenannte sprach eines Tages zu dem Geist des Wortes, welcher selbst Wort war: „Der ‚Manusyah‘ ist einsam, und soll nicht länger alleine sein, denn das ist nicht gut für sein ‚K‘ra‘ und schlecht für den ‚S‘unsum‘ in ihm. Gib ihm einen tiefen Schlaf, und mache ihm eine ‚Tsa‘La‘, ein Wesen, das ihm entspricht!“


Und der Geist des Wortes, welcher selbst Wort war, hauchte Botho an und sprach: „Svapi!“, und der ‚Manusyah‘ sank in einen tiefen Schlaf. Da nahm der Geist des Wortes, der selbst Wort war, Teile von seinem Bein, und Stücke von seinem Fleisch, dann heilte er ihn, und verschloss wieder alles. Aus den Stücken von Bein und Fleisch aber formte er ein Wesen, das schön anzusehen war, blies es an, damit es Leben erhielt, und legte es schlafend neben Botho, dass dieser es bei beider Erwachen benenne. 


Und als Botho von seinem tiefen Schlaf erwachte, erblickte er neben sich das schöne Wesen, das ihm zugesellt war, und war voller Freude. Er besah es sich lange, nahm es an der Hand, so dass es ebenfalls die Augen aufschlug und erwachte. Sofort gewannen sie einander lieb, und Botho nannte sie ,Al-Ìyá‘. Und sie gingen Hand in Hand durch den Garten ‚L’Ambun Al-Janna‘, waren glücklich und freuten sich des Lebens  


©️ RKS 2026 


(…) tbc


HERKUNFT

 

Du beklagst diese 

unfassbar unerträgliche

: Einsamkeit 

und du weißt 

nicht woher 

sie stammt


Du bist aus Staub

dem Staub uralter Sterne 

endlos entfernter + trauriger Sterne

die ihre Einsamkeit  

mitsamt ihrem Kohlenstoff

weinend hinausspien in 

die leeren Weiten 

des Alls 


Daraus bist du

zusammengesetzt

aus den Elementen

der Einsamkeit


Und doch ist 

in dir immer noch

dies geheimnisvolle 

: Leuchten


© RKS 2023 


31.5.26

ÜBER MATERIE

 
Ich stelle mir vor, dass alles, was wir sehen,
erkennen, begreifen, — es Welt, Universum nennen, — lediglich ein verschwindend kleiner Teil der Macht Gottes ist, die er kraft seines Willens zur Materie verdichtet hat. 

©️ RKS 1992 

19.5.26

POÈME HUMAIN

 

Lass mich 

dich lesen Silbe 

für Silbe und

Wort für

Wort mit

meiner Seele 

dich auswendig 

lernen wie

ein Gedicht 


© RKS 2024 


ÜBERALL

 (Frieden gesucht)


überall da wo

kein gefühl und wo

kein gespräch wo

kein miteinander wo

kein sinn ist


und überall dort wo 

ein ausgrenzen wo 

ein totschreien wo

ein gegeneinander wo

ein hass ist


genau da hört 

der frieden auf 

der mensch fängt an 

sein menschsein zu 

: vergessen


©️ RKS 2024 



15.5.26

KUNSTFRAGE

 (kann Einstein zugeschrieben werden)


Lächelt die Mona Lisa

auch nachts, wenn der

Louvre geschlossen hat,

also definitiv keiner hinsieht?


©️ RKS 2026