17.11.25

UMBALI MKUBWA ZAIDI *

 (* = Swahili: größte Entfernung)


ICH — beweglich wie kaum einer 

zuvor: bin in einem augenblick per

videocall in vietnam oder ghana 

und dennoch eine femtosekunde

später im geiste schon unmittelbar

bei dir: selbst wenn gerade das

die maximaldistanz auf der welt

zu sein scheint — so weit weg

voneinander auf engstem raum … 


©️ RKS 2025 



RÉSISTANCE

 

Solang sie noch munter flossen,

schüttete ich die Laute in den Abfluss,

verbarg mich vor der versteinernden Sprache

zwischen entleerten und toten Wörtern. 


Mit der einsetzenden Dämmerung verhängten 

sie über das Denken Ausgangssperre,

das Wort steckte man gnadenlos in den Kerker,

sperrte es in Lager mit Phrasenmauern. 


Wie lange soll ich noch warten, harren,

geknebelt und verstummt im Lärmen, —

bis sich irgendwann einmal Risse bilden,

und Lücken in wortreicher Leere entstehen?


Soll es mehr sein als Bewegungen

des Mundes, der Lippen, der Zunge,

muss sich Freiheit zwischen die Falten

der stumm weißen Einsamkeit drängen. 


©️ RKS 2025 



MORGENGLANZ

 

Es hüllt sich ein in buntes Laub
der Berge herbstlich stiller Wald.
Der Dunst wie leichter Silberstaub
ob den verborg‘nen Schlüften wallt. 


In grauem Schimmer liegt das Land,
und durch die Morgennebel bricht
ein blasser Strahl vom Felsenrand.
Des Tales Weiten sieht man nicht. 


Von Osten steigt ein Licht herauf,
der Morgenglanz die Nebel frisst,
ein neuer Tag nimmt seinen Lauf,
wie er von Gott bestimmet ist.


© RKS 2020 



IN ERWARTUNG

 

Der Winter kommt, er naht mit kalten Lüften,

der Ostwind pfeift schon wild durch die Allee. 

Der Nächte Frost in Feld und Wald und Klüften 

sagt es uns an: bald kommt der erste Schnee!


Der deckt dann zu das rote, gelbe, braune,

vom Herbststurmwüten hingefegte Blatt. 

Sein striktes Weiß tut wohl Gemüt und Laune,

die Nebelgrau so lang verdüstert hat. 


Es scheint, die Welt ruht aus in tiefem Frieden,

auch klingt uns nirgends noch ein Vogelsang,

nur aus den Erlen, und dort aus den Rieden

klingt Krähenkrächzen keck den Bach entlang. 


Bald liegt‘s wie Zuckerguss auf Tannen, Fichten,

ein Glitzern strahlt durch Wald und Feld und Flur,

und auch auf Häusern glänzen weiße Schichten. 

Wie feierlich wird’s Herzen und Natur!


© RKS 2017 



TRÖSTLICH

 

Ein Zauber webt in allen Dingen,

zu jeder Zeit, an jedem Ort. 

Und die, so dichten oder singen,

die kennen auch sein Losungswort. 


Drum, was vom Zauber je Dich schied,

das lass‘ Dich nicht verdrießen, —

weil Dichterwort und Bardenlied

ihn Dir aufs Neu‘ erschließen!


© RKS 2018 



16.11.25

VOM BLEIBEN

 

Was immer es bringen uns mag, —

wir beide lieben das Leben. 
Es wird oft Schönes uns geben,

und manchmal Nöte und Plag‘. 


Es gibt die Tage der Sonne,
Tage voll Freuden und Pracht.
Es gibt auch Tage der Nacht,
finster und bar jeder Wonne. 


Habe nie ans Fortgeh‘n gedacht;
ich bleib‘ bei Dir ohne Frage
im Licht der sonnigen Tage, —
und erst recht im Dunkel der Nacht.


©️ RKS 2025 



Eigentlich aus 2018, jetzt überarbeitet. 

RÜCKSICHTSVOLL

 

Der Balzgesang der Hornagamen

bleibt lautlich in sehr engem Rahmen.

Sein strenges Pianissimo

macht lärmsensible Wesen froh. —

Sie werden kaum bis nie gestört,

weil man so gut wie gar nichts hört.


©️ RKS 2021

HERBSTAHNEN

 

Garten liegt in müder Trauer,

kühl schon tränkt ihn nachts der Regen, 

und er blickt mit leisem Schauer

seinem Sterben still entgegen,


Lautlos schwebet Blatt um Blatt

welkend schon von Busch und Bäumen, 

Astern leuchten, auch schon matt,

wie ein letztes Blütenträumen. 


Sanft glänzt noch dort von den Rosen

letztes Blüh’n voll Kraft und Ruh‘, —

dann drückt Herbst mit kühlem Kosen

ihnen auch die Äuglein zu. 


©️ RKS 2022 



UNFERTIG

 

Lautlos stiehlt sich Wort um Wort

ganz klammheimlich aus den Träumen. 

Alle suchen ihren Ort,

manche scheinen noch zu säumen …


Langsam formt sich ein Gedicht,

so als ob ich‘s in mir trüge,

aber vieles passt noch nicht, —

Inhalt, Reime, Satzgefüge … 


©️ RKS 2022 



NOVEMBERBLUES

 

Sehnsucht nach der Frühlingszeit

füllt mir jetzt schon alle Träume. 

Sinnbild der Vergänglichkeit

sind die schrecklich kahlen Bäume. 


Ach, von manchen sinken matt

noch des Laubes letzte Reste,

schweben nieder, Blatt um Blatt, — 

und der Herbststurm feiert Feste ...


Nebel senkt sich auf den Wald,

Wolkengrau ist aufgezogen,

zu mir kommt so wild und kalt

rauher Wind herangeflogen. 


Lärmend fliegt der Krähen Schar

ob den herbstlich tristen Fluren,

und in mir — ganz sonderbar — 

zieht die Wehmut ihre Spuren ...


© RKS  2020 




IN NEBULA

 

Die stillen Nebel sinken,

wie Blei liegt‘s auf den Tiefen,

kein Mensch hört mehr den andern ...


Nicht Mond noch Sterne blinken,

die Hoffnungen entschliefen,

einsam im Grau wir wandern ...


© RKS 2020 



WIRKLICHKEIT

 (Quatrain)


Das, Seele, ist dein Glück, — 

aus wildem Traum geboren,

kaum da und schon verloren,

ein flücht‘ger Augenblick!


© RKS 2020 



15.11.25

DAY OF THE IMPRISONED WRITER

 (15. November) 


sie sperren euch weg

weil sie euch

furchterregend finden

euch mit euren 

worten und gedanken


und sie vergessen dabei

dass sich gerade

worte und gedanken

nicht wegsperren lassen 


ihr leidet

unter der angst

von typen

die nicht unterscheiden können

zwischen mensch und wort

zwischen sein und idee


denn über euch haben sie

anders als über die worte


: MACHT 


©️ RKS 2023