5.11.25

HERBSTFREUDE

 (Umarmende Reime, stumpfe Kadenz)


Bringt mir der Sturm ein neues Glück?

Es lärmt der Krähen wilde Schar, 

das Laub, es wirbelt wunderbar, — 

wie sehr berauscht das meinen Blick! 


Der Blätter Bunt erfreut das Herz, 

es deckt der Nebel zu die Flur, 

die Wolken folgen Zephyrs Spur, — 

ach, so vergess' ich allen Schmerz!


Wie froh erhebt sich mir der Sinn, 

wo wild der Winde Fauchen klingt!

Ganz tief in meinem Herzen schwingt 

der schöne Herbst sich jubelnd hin. 


©️ RKS 2018

4.11.25

DESPERAT

 

alles zeigen

alles benennen 

gnadenlos

ohne Nachsicht

schreien mich täglich

all diese Worte an

möchte manchmal nicht

stumm sein nur 

taub und blind


©️ RKS 2025 



HATIMA *

 (* = Swahili für ‚Schicksal‘)


Menschen

stehen am Rande,

die Straßen entleert, 

blindes Pflaster,

keiner lacht,

viele verzweifeln. 

Ich kann nichts sagen. 

Müsste dazu in eine 

andere Sprache fliehen. 


©️ RKS 2025 




AUF MEINER LIEBSTEN TOD X

 (Spiegelreim)


Ein Herz und eine Seele waren wir,
zwei Leiber, doch ein einz‘ger Geist;
ich kann von Deinem Tode nicht genesen. 

Mich hat die Einsamkeit für sich erlesen 
als Du ins Jenseits bist gereist,
und nun zerfällst in stillem Grabe hier.


©️ RKS 2018 




UND PLÖTZLICH STILLE

 

Bin wie der Strom;
immer möchte ich fort, 
alles zurücklassend. 

Bin wie die Meereswelle;
immer auf der Suche
nach neuen Ufern.  

Bin wie das Leben;
immer vor der Zeit, 
den Tod fürchtend. 

Doch die Welt rückt näher,
Duft nur, Klang —
und plötzlich Stille … 

©️ RKS 2025



PASEO DE PENSIAMENTOS *

 (* = span. für ‚Spaziergang der Gedanken‘)


Vom Botanischen Garten kommend,

überquerte ich die Straße,

und setzte mich im Park El Retiro 

auf eine Bank, unweit des Monuments 

für den großen Jacinto Benavente. 


Eine junge Frau, die einen Kinderwagen

vor sich herschob, nickte mir freundlich zu. 

Ich erwiderte ihren Gruß lächelnd, 

ohne wirklich innerlich beteiligt zu sein. 


Mich beschäftigte der Gedanke, 

dass es irgendwann für jeden Zeit würde, 

die Maske abzunehmen, und plötzlich 

fühlte ich mich geheimnisvoll 

in ein Gemälde von Joaquin Sorolla 

bei sonnigstem Wetter versetzt. 


©️ RKS 2025 




Park ‚El Retiro‘ — weitläufige Parkanlage im Zentrum 
von Madrid, unweit des ‚Museo del Prado‘
Jacinto Benavente y Martínez (1866 - 1954) war ein span. Dramatiker und Schriftsteller. Er erhielt 1922 den Literaturnobelpreis. 
Joaquin Sorolla y Bástida (1863 - 1923) war ein span. Maler des Impressionismus. 

AUF MEINES KINDES TOD *

 

Leb wohl, mein liebes Kind!

Als man in schwerster Stund' 
Dich still hat fortgetragen, 
da konnte ich's nicht sagen, 
mein Herze war so wund. 

Leb wohl, mein liebes Kind! 

Du ruhst in Gottes Arm, 
bist in des Himmels Fernen.
Ich wandle unter Sternen 
und bin noch voller Harm. 

Ich segne Dich, mein Kind! 

Das war mein letztes Wort, 
ich sprach es voller Liebe.
Und wenn ich einst zerstiebe, 
dann sehen wir uns dort. 

© RKS 2018 


* Joseph von Eichendorff (1788 - 1854) betitelte so 

eine Serie von 10 Gedichten. Das letzte Gedicht dieser 

Serie hat mich zum vorliegenden Versuch angeregt. Ich 

gebe zu, heftig abgekupfert zu haben. 



HERBSTGLANZ

 (Haiku)


Nebelmond blickt sanft. 
Glanz lässt mich träumend dem Tag
entgegentreiben. 

©️ RKS 2022 



PHOENIX

 

Wenn das Öl der Realität

meine Illusionen abfackelt,

will ich mich mit Feuerflügeln erheben

aus der Asche meiner Vorstellungen,

um Traum und Wirklichkeit

unter mir zu lassen, während ich

die Himmel der Poesie durchfliege. 


© RKS 2024



NACHTGESPRÄCH

 

Bin Stein, 

aus dem Skelett 

der Erde

von kalten Winden 

geschnitzt vor 

Zeit und Ewigkeit.


Auf dem See 

bricht nun

Atem der Nacht 

mein Abbild.


Dein Lächeln, 

Mond, 

tröstet mich.


RKS 2024



PASTORALE

 

Über den Hügeln 

tief im Westen

schmilzt letzte Sonne 

und der Fluss versickert 

im Dämmer


Nicht nur der 

Wind streicht zärtlich 

über meine Haut 


Auf der Wiese 

nach Osten hin 

liegen wir verträumt

Arm in Arm


Voller Erstaunen 

wie fern und klar

doch die Sterne stehen


© RKS 2024

3.11.25

CREU I CALA DEL PORTITXOL*

 (Cruz y Bahia de Portichol**)


baumbeschattetes Steinkreuz

mit Blick auf Meer und Insel 

felsige Wege durch Dornen und

hartes Grün auf schmalen Pfaden

zu den Klippen im Sonnenlicht

drunter breitet sich schmeichelnd Blau 

eil’ treppab an Bucht und Strand

Aug‘ und Seele zu erquicken


© RKS 2024 


* katalanisch bzw. ** spanisch für:

‚Kreuz und Bucht von Portichol‘

NEWA DA STROSS

 Einglich 


sand's bluade schnej 

owa newa da stross 

liegt a douds oachkatzl 

is hoid ned schnej

gnua gwen

bliatn duad's nimma


© RKS 


(in niederbayerischer Mundart)



Eigentlich


sind sie verflucht* schnell 

aber neben der straße 

liegt ein totes eichhörnchen 

ist eben nicht schnell 

genug gewesen 

es blutet nicht mehr


Übersetzung aus dem Niederbayerischen

*  wörtlich: blutig 


©️ RKS 2025 

JOUR D‘ÉTÉ

 

Gleißende Sonne überm See, 

der träge daliegt. Keine Bewegung 

in Lüften und Bäumen. Ich gehe 

den Waldweg bergauf unter Buchen.

Glut quillt zwischen Stämmen und 

Blattwerk stumm schreiend hervor.

Um die Kapelle herum verdorrtes Gras, 

staubtrockene Erde. Die Hitze rennt 

mir nach wie ein herrenloser Hund.


© RKS 2024