31.10.25

FLASHBACK

 (Kreuzreime abab abab, wechselnde Kadenz)


Bunte Drachen, hoch im Winde,

tanzen in der Lüfte Reich. 

Fast entblättert steht die Linde,

und der Himmel ist so bleich. 


Ich betast‘ des Baumes Rinde,

die vom Moose ist so weich,

und mir wird wie jenem Kinde,

das durchstreift’ der Träume Reich ...


© RKS 2019 

NUR EIN MOMENT

 

Ein Band aus Stille

fließt an mir vorbei. 

Es sieht meine

innere Unruhe

verstehend an. 


Etwas streift mein Herz

sanft und unsichtbar

Kein Fingerabdruck

bleibt zurück

Nur ein stiller Zug

von Sehnsucht


©️ RKS 2022

30.10.25

DO NOT CONFUSE !

 

Verwechselt nicht 

Stille mit Lautlosigkeit. 

Die Abwesenheit von Worten 

und anderen Geräuschen ist 

noch keine Stille. 


Die Stille ist 

eine Kraft des Herzens 

und des Geistes, die uns 

verstummen lässt, weil sie 

uns in der Lautlosigkeit 

neue Dinge offenbart.


©️ RKS 2015 

ERBMASSE

 

Alles Unbenannte wurde 

benannt, wandelte sich alsbald,

zerfiel schließlich zu einer 

Wolke aus grauem Staub,

welche dunkle Kräfte zu

einem Trabanten formten, 

ihn in eine Schwerkraftdelle

legten, in der er seither

um sich selbst kreist. 


©️ RKS 2025 

FRÜHERKENNUNG

 

Bereits im Schwarz

der Stille und noch

vor dem Weiß

des unbeschriebenen Blattes 

hat jedes der Gedichte

schon einen eigenen

unverwechselbaren Klang


©️ RKS 2025

EN HIAGSD

 (in niederbayerischer Mundart)


Bladl hand gejb und roud

und in da Friah geh‘ i

in d‘Schwamma

Stoabejsdal und Rähgoiß

fanga damid‘s an Middog

a Berflaisch mid Gneel gibt. 

Und da Woid riachd

so guad das ma‘s iatz

scho kaam dawoat



Übersetzung ins Hochdeutsche:


Im Herbst


Blätter sind gelb und rot

und in der Frühe geh‘ ich

Pilze sammeln

Steinpilze und Pfifferlinge

fangen damit es zu Mittag 

Bergfleisch* mit Knödeln gibt

Und der Wald riecht

so gut dass man es jetzt

schon kaum erwarten kann


©️ RKS 2025



* Regionaler Ausdruck für Pilzgerichte

SUCHEND

 

Im Stand der Dinge

eingekesselt, 


beim Flug der Gedanken

abgesunken, 


vom Redefluss

fortgespült, 


suche ich im

Koffer der Möglichkeiten

nach neuen Zielen. 


© RKS 2023

RINGBAHNMALAISE

 (in Berlin)


Bin jetzt viermal
in Gesundbrunnen
ausgestiegen, —
und immer noch erkältet!

©️ RKS 2021 

TATKRÄFTIG

 Unbeirrt


senkt die Herbstsonne 

gleißend Lichtlanzen in die 

scherbenbekränzt gähnenden

Fensterruinen der alten Fabrikhalle

Vom Sims grüßt hoffnungsfroh

ein unbeschwerter Birkenschössling

Ein Zaunkönig wippt auf der

Brombeerranke gegen den 

Rhythmus des Windes

Die Welt hält inne

nur das Herz schlägt

unbeirrt


©️ RKS 2025 

HERBSTFARBEN

 

Golden und rot ist Blattwerk

vom Maler der Natur eingefärbt.


Blau sind Himmel und See,

stillstrahlend im Winde liegend.


Grün sind Tannen und die Augen

der Liebsten, die mir lächeln.


Farben will ich speichern, und mitnehmen 

ins Grau der kommenden Tage. 


© RKS 2016

29.10.25

GEDANKENVERSUNKEN

 (in Prag / v Praze)


Eine unbestimmte Melodie

vor mich hinsummend

spazierte ich allein 

die Altstädter Uferpromenade

entlang Richtung Rudolfinum, 

ungestört vom Autolärm, 

der vom Dvořák-Ufer herdrang. 


Wie automatisch zog 

ich den Hut, und der 

ältere Herr erwiderte 

lächelnd meinen Gruß. 


Beim Anblick der Tram,

die über die Mánesbrücke 

rumpelte, kam mir ein

Gemälde Ludvík Kubas

in den Sinn, und plötzlich

fühlte ich mich auf 

den Balkan versetzt. 


©️ RKS 2025 



Die ‚Altstädter Uferpromenade‘ und das ‚Dvořák-Ufer’

sind Straßen entlang der Moldau in Prag. 

Das ‘Rudolfinum’ ist ein Konzert- und Galeriebau im 

Stil der Neorenaissance am rechten Moldauufer in der 

Prager Altstadt. 

Die Mánes-Brücke führt unweit des Rudolfinums über die Moldau. 

Ludvík Kuba (1863 - 1956) war ein tschechischer Maler 

des Impressionismus. 

UNVERGESSLICH

 

Es haben die Vöglein geschwiegen,

der Himmel erblaute so tief,

als Deine Liebe mich rief. —

Gern wollt’ ich zu Füßen Dir liegen.  


Wie selig, wie glücklich ich war,

als ich Dich durfte liebkosen!

Deine Wangen glühten wie Rosen

und duftend wallte Dein Haar ...


Ich kann jene herrliche Nacht

nun ewig nimmer vergessen,

die unter duft‘gen Zypressen

wir zärtlich liebend verbracht. 


© RKS 2018

HERBSTMÜDE

 

Die müden Augen sind so traurig, 

wollen nichts mehr seh'n.

Der dichte Nebel wirkt so schaurig 

und die Winde weh'n.


Die müden Ohren sind verbittert, 

hören schier nichts mehr.

Die alten Berge sind verwittert 

und das Meer ist leer. 


Die müde Seele hat beschlossen, 

sie will nur noch Ruh'.

Die grauen Tage unverdrossen 

geh'n dem Winter zu.


©️ RKS 2018