16.9.25

KIRCHHOFSZENE

 (3 Strophen, Vierzeiler, Kreuzreime, wechselnde Kadenz)


Schwer liegt die Vergangenheit 

auf manch wundem Geiste, 

weil viel Liebes vor der Zeit 

schon zum Himmel reiste ...


Kreuz und Steine, überdacht 

vom Gezweig der Linden, 

Turm und Apsis sind ganz sacht 

schon umspielt von Winden. 


Vogelton und Glockenschlag 

über Grabeshügeln, 

und der herbstlich stille Tag 

flieht auf gold'nen Flügeln.


© RKS 2020 

WIRKLICH ALLEIN

 (ein dystopischer Traum) 


Ich werde schreiben 

Keiner wird es lesen

außer mir selbst


Die Welt wird leer sein

Nur Sonnenfeuer

Nur Wind

Nur Ödnis

und Nacht


Doch ich werde schreiben

Mein Sein

Mein Fühlen

Meine Träume

Meine Einsamkeit


Für mich

Sonst wird niemand mehr sein 


©️ RKS 2025 

15.9.25

WALDLEBEN

 

Die Leite hinauf und

über den Schachten 

zum Filz mit seinen Lacken. 


Mit einem Schlag 

ist der Himmel tiefblau

Zwischen den Baumstümpfen

und kahlen Krüppelästen

hängt Uneinsichtiges 

Aus dem Filz gurgeln sich 

seltsame Worte in die Luft

Ein kurzes Drehen im

Ostwindrauschen 

wie bei einem Landler 

Jähes Verstummen


©️ RKS 2025 

FÜR ENDLOSE JAHRE

 (Freie Lyrik)


in der ausgebleichten 

landschaft der erwartungen 

grünt ein gärtchen 

illusionärer hoffnung 

in richtung horizont sieht 

man wälder brennen doch 

die beine auf dem boden der 

tatsachen sind vom hochwasser 

umspült die strahlen der vernunft 

verflüchtigen sich und kriechen unter 

die üppigen stauden der hirngespinste 

das nähere ist in einer 

verordnung zu regeln damit 

die arme seele ruhe hat 

und in den schlaf sinken kann 

für endlose jahre


© RKS 2022

NACHTSZENE I

 (Freie Lyrik)


Ströme des Mondes 

überfluten die Heide


Lichtschuppen wimmeln wie 

Sardinenschwärme flockenleicht 

durch die übergossene Landschaft 

Sie wissen um die 

tröstliche Nähe der Gemeinschaft


Silbern blüht Erika 

jauchzend durch die Nacht 

Und wenn Frau Luna 

in das Grab sinkt 

leuchtet es fort wie Perlen

in weiß und lila und grün 


Die stillen Nymphen haben 

endlich wieder genügend Raum 

für ihre Blütenspiele 

als die Fischlein durch 

den Rechen aus Birkenstämmen 

in den sumpfigen Wald davonschlüpfen


© RKS 2022


SEIN UND ZEIT

 (3 Strophen, Vierzeiler, Kreuzreime, stumpfe Kadenz)


Verflogen ist des Sommers Pracht,

es schweiget schon die Nachtigall. 

Fahl naht sich nun die Herbstesnacht 

mit Nebelgrau und Blätterfall. 


So fliegt auch hin des Lebens Tag, — 

schon spür‘ ich einen kühlen Hauch. 

Ich weiß, in meiner Seele trag‘ 

ich Blätterfall und Nebel auch. 


Die Zeit entflieht, es wächst die Last, 

mein Grün verwelkt zu dürrem Laub;

bin kurz nur auf der Erde Gast, — 

und bald auf ewig Sternenstaub. 


©️ RKS 2021 

DANKBAR

 (Sechszeiler, Paarreim und Kreuzreime)


Wenn ich durch Gärten, Felder streife 

zu dieser Zeit der gold‘nen Reife, 

auf welchen nun ein sanfter Schimmer

und reich der Erntesegen ruht, 

dann sag‘ ich mir im Herzen immer:

Wir haben‘s gut, unendlich gut! 


©️ RKS 2021

VORBILD

 (Sechszeiler, Kreuzreime und Paarreim)


Fühlt die Nachtigall ihr Ende kommen, 

so setzt sie sich ganz tief ins Ried, 

singt dort, froh und gänzlich unbeklommen, 

ihr letztes, vielleicht schönstes Lied.


Ich möcht' einst, so es Gott gefällt, 

auch singend zieh'n aus dieser Welt.


©️ RKS 2019 

14.9.25

SPAZIERGANG

 (7 Strophen, Fünfzeiler, Paarreime, xxyyz)


Schweigend durch den stillen Wald gegangen,

vom Wind im Laub den Zauber eingefangen,

die ersten bunten Blätter fielen leise. 

Mein Herz, es schlug in wundersamer Weise,

und meine Füße glitzerten vom Tau. 


Mein Geist tat eine ungeahnte Reise,

und Phantasie war meine Seelenspeise. 

In ferne Welten konnt' ich so gelangen,

bin doch allein in mir umhergegangen.

Über mir blicklos nur des Himmels Blau. 


Wie lustvoll tat ich jenem Zauber lauschen,

des Waldes Rufen und der Bäume Rauschen

haben die Sinne mein so froh genossen. 

Dann kamen lärmend Menschen angeschossen. 

Der Zauber war erstarrt in Grau,


als hätt' man mit Beton ihn übergossen. 

Auch schien der Wald mir plötzlich ganz verschlossen. 

Wie gerne wollte Ort und Zeit ich tauschen,

anstatt zu hören dies banale Plauschen,

— ein dummer Kerl und eine laute Frau. 


Ich sprach zu mir: "Musst nur ein wenig warten!

Geh‘ doch solang in Deinen inn'ren Garten,

und schließ' dies laute Treiben aus!

Tief in Dir ist doch jenes stille Haus!"

Und leiser noch erwidert' ich: "Genau!"


Und so betrat ich das Gedankenhaus,

und aller Ärger flog zur Tür hinaus,

dafür ertönten Laute aller Arten. 

Im Wald, im Haus und dort im Garten

erstrahlt' azurn der Himmelsbau. 


Und wieder fielen Blätter leis' von Bäumen,

und wieder schwebte ich in sel'gen Träumen

durch das vom Herbst gefärbte Sinnen;

die Phantasie trug mich ganz sanft von hinnen,

hinein ins Rot und Gelb, ins Grün und Blau. 

 

© RKS 2017

LIED DER NACHT

 (Paarreime mit wechselnder Kadenz)


Es tönt ein mächtig Singen

zu mir durch Zeit und Raum. 

Ich spür‘ es in mich dringen

und füllen Tag und Traum. 


Klar lässt es mich erlauschen,

was sonst verborgen bleibt,

ist kraftvoll wie ein Rauschen,

das durch die Nacht hintreibt. 


Es soll ein Glück mir bringen

in meines Lebens Zeit,

danach mag es verklingen

für alle Ewigkeit. 


© RKS 2020 

GNADENAKT

 (Paareime mit durchgehend weiblicher Kadenz)


Langsam Blätter ein sich rollen, 

sind ermattet nun vom Fliegen. 

Weil sie endlich ruhen wollen, 

lasse ich sie eben liegen. 


Kalter Windhauch kam von Norden,

zierte sie mit Reif am Rande. 

Sie sind gelb, rot, braun geworden, 

liegen modernd nun im Sande …


Nein, sie sollen meinem Rechen

nicht noch mit Gewalt sich fügen, — 

ist doch ihres Todes Brechen 

einfach nicht mehr fortzulügen. 


©️ RKS 2021 

GERETTET

 (Paarreime, umarmender Reim, Paarreime)


Ein Korb voll Bangen war die dunkle Nacht,
gefüllt mit Worten, die mich hart umwehten. 
Ich war, dem Höllenfeuer gleich, entfacht, -
und trieb noch weiter fort als die Kometen. 

Von schwarzem Glanz war mir der Geist umwoben,
in jeder Richtung, schien es, war der Tod,
und keine Hilfe stand mir zu Gebot. 
Wie ist die Hoffnung mir zu Staub zerstoben! 

So schrecklich angstvoll flog ich hin, und war 
durchströmt von Leere bis zum bittern Ende. 
Da plötzlich wurde deiner ich gewahr,
und gab mein Alles still in deine Hände. 

© RKS 2022