17.12.25

GRUẞ DES STERNENKINDS

 

Wie ihr ja manchen Fluss nicht seht,

weil niemals er die Erd‘ durchbricht,

so tritt mein Leib ins Dasein nicht,

weil schon mein Weg zu Gott hingeht. 

 

Doch meine Seele, wie der Fluss,

ist nicht in weiter Ferne; 

sie ist euch nah, schickt manchen Kuss

euch mit dem Glanz der Sterne. 


© RKS 2024 




FLASHBACK

 

Bunte Drachen, hoch im Winde, 

tanzen in der Lüfte Reich.

Fast entblättert steht die Linde, 

und der Himmel ist so bleich.


Ich betast' des Baumes Rinde, 

die vom Moose ist so weich, 

und mir wird wie jenem Kinde, 

wandelnd in der Träume Reich ... 


©️ RKS 2019 



LIEBEN HEIẞT …

 

Lieben heißt, sich ganz versenken 

in des Andern Sein und Leben, 

sich mit Allem zu verschenken 

und das Herz ganz hinzugeben. 


Lieben heißt, sich zu verschreiben 

ganz dem Glücke eines Andern; 

manchmal auch, allein zu bleiben 

und in tiefem Leid zu wandern.


©️ RKS 2020 



WARNZEICHEN

 

Der Hosenträger klemmt am Bund.

Der Gürtel liegt auf diesem rund.

Sie sollen Wirkung dort entfalten, 

damit des Menschen Hosen halten.


Doch nur der Gürtel ganz allein 

lässt sich auch and'ren Zwecken weih'n:

An ihm lässt sich in Krankheitstagen 

ein Zeichen für das Leiden tragen.


Der Patient trägt an der Hose 

dann warnend eine Gürtelrose.


©️ RKS 2017 



LETZTE FRAGEN

 

Ist es Leiden nur und Jammer, 

wenn der Tod uns wägt, 

man uns hin in jene Kammer, 

unsre letzte, trägt? 


Oder weichen Schmerz und Kummer, 

die das Sein geprägt, 

und wir finden süßen Schlummer, 

wenn die Stund' uns schlägt? 


©️ RKS 2021 



UNGLÜCKLICH

 

Bin in mancher stillen Stunde, 

angetrieben von Verlangen, 

seufzend vor mich hin gegangen 

dort im kühlen Wiesengrunde. 


Saß verzaubert wie im Traume, 

unablässig dein gedenkend, 

alle Sinne zu dir lenkend, 

lang oft unterm Lindenbaume. 


Doch vergeblich war mein Wähnen; 

du bist lang wortlos fortgegangen.

Was mir blieb, war mein Verlangen,

— und der Heimweg unter Tränen. 


©️ RKS 2021 




WUNSCH DES LIEBENDEN

 

Liebste, ach, wie wünsche ich, 

dass Dein Auge selig sich, 

wenn Du in der stillen Nacht 

aufschaust zu des Himmels Pracht, 

mög' am Sternenlicht erquicken! 


Doch ich wünsche noch viel mehr, 

dass ich dieser Himmel wär', 

dann möcht' innig liebend ich 

mit den Sternenaugen Dich 

so vieltausendfach anblicken!


©️ RKS 2018 



SCHEINTOT

 

Oft scheint es mir, als wär' ich tot; 

verglüht die Lust, dahin das Sehnen ...

Wie lange sich die Tage dehnen!

Und jeder ist voll eig'ner Not ... 


Doch wenn mein Sinnen zu Dir schwebt, 

kann ich voll Mühe mich erinnern, 

dass dort kein Stein in meinem Innern, 

nein, ein lebendig Herze bebt. 


©️ RKS 2021




REGENTAG

 

Überm Walde sprühet 

Regendunst empor.

Wenig ist zu sehen 

durch den trüben Flor.

Winde wehen heftig 

über Feld und Rain.

Liebes Herz, Du fernes, 

bitte denke mein! 


©️ RKS 2018 



16.12.25

KLAG‘ NICHT

 

Du klagst es mir ja schon geraume Zeit,
dass ich dir wenig, herzlich wenig schriebe.
Bei Andren stünde Wort um Wort bereit,
du müsstest nehmen, was dann übrigbliebe. 


Uns beide eint ein deutlich stärk‘res Band;
das Lieben wird mit Worten nicht gemessen.
Weil ich in dir so süße Liebe fand,
bin ich auf Worte nicht so sehr versessen. 


Denkst du der Zeit, wenn ich dich halt‘ umschlungen?
Denkst du des Lichts, das uns am Tag umgibt? —
Ich hab’ nicht oft in Versen dich besungen,
doch dich mit mehr als Worten stets geliebt.


©️ RKS 2020 



DEMÜTIGE BITTE

 

Gott gebe gnädig, was mir frommt,
an Lebensglück und Leiden!
Ich dank’ dem Herrn bei beiden,
weil von ihm ja nur Gutes kommt. 


Er halte vom Glück
auch manches zurück, —
ich möcht‘ sonst leichtsinnig werden. 


Er send‘ nicht nur Schmerz
in Leben und Herz,
dass ich nicht verzweifle auf Erden. 


Ich bitte voll Ehrfurcht und kindlichem Mut,
Gott möge mir geben, was nötig und gut!
Und was Er an Freuden und Leiden mir gibt,
will dankbar ich nehmen, weil er mich ja liebt.


©️ RKS 2018 



METEOROLOGISCHER OPTIMISMUS

 (Quartain)

Wie oft man doch von Menschen hört,
die Regen ganz entsetzlich stört!
Ich kann mit Regen recht gut leben, —
das meiste fällt ja eh daneben. 

©️ RKS 2015 



PROBLEM

 (Limerick)


Ein Mauerblümchen aus Peine

hatte Fingernägel — nur kleine.

Die wollt‘ es lackieren,

also Farbe draufschmieren.

Von den Wandfarben hielt aber keine.


©️ RKS 2012 



MA ROSE

 

Wie eine edle Rose
glühst Du, so mild und rein.
Ich seh‘ Dich an, und Liebe
zieht in das Herz mir ein. 


Ach, ewig soll mir bleiben
vor Augen dieses Bild:
Du, schönste aller Rosen,
blühst mir so rein und mild!


©️ RKS 2018 



15.12.25

ERHEBUNG

 

Stille liegen alle Matten,

und es schweigt der Vögel Chor,

aus des bunten Waldes Schatten

steigt mein Liebeslied empor. 


Ach, wie glühen Deine Blicke,

und wie ist Dein Mund so rot! 

Mit Dir schwelge ich im Glücke,

bin enthoben Herbst und Tod!


©️ RKS 2018 



ANDACHT

 

In der lichten Kathedrale 

der spätherbstlichen Chaussee 

läutet der Wind die Glocken.


Letzte Blätter verwehen 

wie erlöschende Kerzen, 

die im Weihrauch 

des Nebels verschwimmen. 


Schwarz stehen die Linden 

wie Obsidiansäulen, 

die voller Demut das 

Dach des Himmels tragen.


Und der frische Schnee 

sinkt wie Segen nieder, 

und deckt gnädig 

alles Sündige zu.


©️ RKS 2017