22.10.25

ES IST

 

Wer kann schon sagen 

wo es ist wenn 

keiner es sieht

Keiner weiß

woher es kommt

Niemand weiß

wohin es geht



Und doch ist da

dieses Licht unter dem 

immer wieder der Kern

des Seins sichtbar wird

und die Tiefe der 

Seele erleuchtet


©️ RKS 2025 

FORT, FORT …

 (Quatrain)


Ich begeb’ mich in die Ferne,

überwinde Raum und Zeit,

und versenk’ mich nur zu gerne

in des Traums Unendlichkeit ...


©️ RKS 2020 

NACHT BEGINNT

 (Sestain)


Erschaudernd dehnt die Erde alle Glieder,

dann streicht sie, noch ganz sonnetrunken,

sich aus dem Haar die letzten Lichtesfunken,

sagt ihr „Adieu!“ der hingeschied‘nen Sonne,

fühlt nun ganz mild um sich des Dunkels Wonne,

begebend tagesmüd‘ zur Ruh’ sich wieder.


©️ RKS 2020 

KURZER SOMMERGESANG

 (Septett)

Der Sommer geht. Ich will auch dieses Jahr

euch viel von ihm in meinem Liede sagen: 

von schwarzen Nächten und von blauen Tagen,

vom Wald, von Feldern, die viel Früchte tragen

von Lerchen, von der Nachtigallen Schlagen,

von junger Liebe und den alten Klagen,

und von der Luft, die voller Düfte war ...


©️ RKS 2020 

PYGMALION

 

Will nun schlingen meine Arme
um dein steinern kaltes Bild,
bis sich dir der Leib erwarme,
Blut durch deine Adern quillt. 


Bis des Steines starre Rinde
durch den Kuss der Liebe fällt,
und ich so Erfüllung finde ….
Nichts sonst will ich auf der Welt!


©️ RKS 2021

TRÜGERISCHE BILDER

 

Ich schaue in des Kruges Tiefe,
erblick‘ darin den Himmel mild,
und plötzlich ist‘s, als ob da riefe
geheimnisvoll ein Zauberbild …


Ins Herz dringt lockend mir das Rufen,
weckt Sehnsucht, tief und voller Macht,
lässt sehen mich des Himmels Stufen,
und tausend Dinge reiner Pracht. 


Dann fallen plötzlich meine Tränen
hinein, und löschen aus den Trug. 
Da flieht das zauberische Wähnen, —
nur Wein glänzt dort! — mir ist‘s genug. 


©️ RKS 2021

21.10.25

ZUM HIMMELSRAND

 

Wie gern ging ich zum Himmelsrand

mit Dir, ganz zärtlich Hand in Hand,

die Blicke still empor gewandt …


Die Schau durchstreift das Himmelsweit,

wir blicken hin durch Raum und Zeit

in liebevoller Zweisamkeit.


Zwei Herzen mit dem gleichen Schlag,

ziehen wir so durch Nacht und Tag,

so weit der Himmel reichen mag.


© RKS 2018 

HEIMERFAHRUNG

 

Noch gemeinsames Singen 

in gutgelaunter Traurigkeit. 

Betreutes Verdämmern, 

die weißen Flecken 

nehmen langsam zu. 

Erinnerungen verweigern

sich mehr und mehr,

bis irgendwann

alles weiß wird. 

Und früher oder später

kommt die finale Schwärze. 


© RKS 2024


20.10.25

LULLABY

 (Quatrain) 


Ein kalter Wind streicht um den Baum,
und wiegt ihn in den Wintertraum,
bis er, erweckt vom Frühlingslicht,
knospend von neuem Leben spricht. 

©️ 2018 

19.10.25

AUSTAUSCH

 

Was je mich traf in meines Lebens Spiel

an Leid und Glück zu allen Tagen,

das musst‘ ich dir im Stillen sagen,

drum warst du, Gipfel, gar so oft mein Ziel. 


Und wieder bist du mir der rechte Ort

mit deiner Winde trautem Rauschen ...

Doch will ich heute lieber lauschen, —

ich überlasse dir, o Berg, das Wort! 


©️ RKS 2020 

L‘ATTENTE

 

negativliste

vergessener horizont 

schieferhimmel

über galenitmeer

voll ermordeter zeit 

leere

überfüllt mit


: warten


© RKS 2023 

WARNUNG !

 

Zwischen den Zeilen 

führen verwunschene Wege

mitten ins Selbst. 

Das Lesen geschieht

auf eigene Gefahr. 


© RKS 2023

AUTUMN

 (Haiku)


Graues Nebelmeer 

konturlos alles verschwimmt 

Suche nach dem ich


© RKS 2023 


DESILLUSIONIERT

 (Quintain)


Mag im Walde unter Bäumen
meines Lebens dunkle Spur
wohl mir oft erhellter träumen,
dennoch meine Pfade säumen
ganz vereinzelt Kerzen nur. 

©️ RKS 2021 

LÄNDLICHE SZENERIE

 

Verstreut schlafen seitwärts die Häuser. 

Das einsame Schild langweilt sich zu Tode. 

Der Straße merkt man nichts an. 


Am Gartenzaun gammelt eine Warntafel. 

Der Dobermann verkündet freundlich,

dass er hier wache. Unsichtbar. 


Das scharrende Huhn des Bauern

bringt plötzlich einiges zutage … 

Die Polizei bittet um Hinweise. 


© RKS 2023

A LES ALTURES DEL MONDÚBER *

 

Unten an den Hängen 

noch viel Gehölz,

in der Weite des Tales

das satte Grün,

wo Orangenbäumchen, 

diszipliniert in Reih‘ und Glied,

gegen die Sonne

ihre Stellung tapfer halten. 


Oben der nackte, rotgraue Fels,

nur noch vereinzelt

von niedrigen Pinien bestanden,

der das wenige Wasser

in seinen karstigen Tiefen

verschwinden lässt, um es

zu reinigen, und am Fuße 

in Quellen wieder auszuspeien. 


Auf den höchsten Höhen

herrscht heilige Ruhe,

um die verwunderten Augen 

nicht zu stören

bei ihren Blicken

in beschauliche Täler

und zum glitzernden Meer. 


©️ RKS 2022



* Valencià** für „Auf den Höhen des Mondúver“

Der Mondúver (val.  Mondúber) ist ein Bergmassiv

etwa 60 km südlich von València. 

** Valencià (span. Valenciano) ist die Selbstbezeichnung der valenzianischen Sprache, einer Varietät des Katalanischen. 

18.10.25

EINEM GROẞEN POETEN

 (geschrieben zum 5. Todestag)

Ingo Baumgartner (1944 - 2015) gewidmet


Dichtend hast einst Du gelebt;

hast in Worte gegossen,

was in den Geist Dir geflossen

und tief Deine Seel‘ hat durchbebt. 


Wie oft berührtest Du mich,

wenn lesend und träumend ich sann —

und plötzlich ein Lächeln gewann;

wie jetzt im Gedenken an Dich! 


©️ RKS 2020 

LÄHMUNG

 παράλυσις


ich sitze

hier am klavier

und fühle 

wie meine finger

langsam einfrieren und erstarren

als mich 

die weißen und schwarzen

tasten so vorwurfsvoll 

anstarren und mich

wortlos fragen warum

ich ihnen gedankenlos

töne entreiße 

und im zimmer verteile

obwohl doch

krisenzeit ist


©️ RKS 2020