5.8.25

DAS INNERE KIND

 

Manchmal liegt es

auf einer Blumenwiese, 

und träumt sich in die Wolken. 


Manchmal sitzt es

im Dunkel der Nacht, 

und träumt sich in die Sterne. 


Manchmal steht es

am Rand des Meeres, 

und träumt sich ins Weite. 


Manchmal kommt es

mit zerfetzten Kleidern und

aufgeschrammten Gliedern heim,

und träumt von neuen Abenteuern. 


Manchmal weint es

und sehnt sich nach Trost. 


Manchmal schreit es

und sehnt sich nach Ruhe. 


Manchmal schweigt es

und sehnt sich nach Worten. 


©️ RKS 2021



Dieses Gedicht wurde in der Dezember-Ausgabe des Jahres 2021 der Literaturzeitschrift 

„eXperimenta - Magazin für Literatur, Kunst und Gesellschaft“ abgedruckt. 

DICHTERWORTE

 (in Kreuzreimen ababcdcd)

Es künden uns die Dichter,

was reich die Seele macht,

wie hell des Himmels Lichter,

wie schwarz des Todes Nacht,

wie hold der Liebe Süße

erfüllt des Menschen Herz,

und wie er schrecklich büße

mit tiefem, tiefem Schmerz. 


©️ RKS 2021

VERGEBLICH

 (in Kreuzreimen)

Ach, ich stehe sinnend heute

schweigend vor dem alten Haus. 

Drinnen leben fremde Leute,

alles sieht ganz anders aus. 


Mich erfasst ein stilles Grauen, 

steh’ und blicke müd‘ und trist,

weiß, ich kann noch Stunden schauen …

Alles längst vergangen ist. 


©️ RKS 2021 

WUNSCHBILD

 (Sestain)


Wenn dereinst, — ich hoff‘, in fernen Tagen, —

mein Herz will ein letztes Mal noch schlagen, 

soll dein Bild, bevor die Schatten mich umhüllen,

mir noch einmal Augen, Sinn und Seele füllen,

dass ich so auf jenen schweren, dunklen Wegen

dann getröstet schreit‘ dem ew‘gen Licht entgegen. 


© RKS 2025 

4.8.25

HISTORIA INCOGNITA

 (jenseits des Okeanos)


von wilden bergen
nordöstlich weit
schrieb silenos
wo wilde wesen
ungeheuer hausten
unbekannte welt
in ferner vorzeit
jenseits der mauern
aller erkenntnis 

© RKS 2023

MORGENFREUDE

 (Haiku)


Die Sonne geht auf -

Blauer Himmel ist über

und dein Bild in mir

© RKS 2019

IM STROM DER ZEIT

 (in Paarreimen)


Es steht wohl unumstößlich fest:
Das Sein, das All wird ohne Rest
vom Strom der Zeit, die uns nicht braucht,
in das Vergessen eingetaucht. 

Die Zeit ganz herzlos mit sich reißt
den großen wie den kleinen Geist,
sie fegt hinweg auch Wort und Tat,
die Liebe, Treue, Hass, Verrat ...

Die Zeit sogar sich selbst verdirbt,
da sie am eig‘nen Eilen stirbt;
mit ihr und meinem Schmerz und Glück
sink‘ einst auch ich ins Nichts zurück. 

© RKS 2019 

SORGE

 (Triolett)


Ach, manchmal mich die Angst beschleicht,
mein Menschsein zu verlieren!
Wenn mir die Wut die Wangen bleicht,
dann manchmal mich die Angst beschleicht,
dass die Vernunft ganz von mir weicht,
und anfängt, zu mutieren. 
Ach, manchmal mich die Angst beschleicht,
mein Menschsein zu verlieren!

© RKS 2020

ZUVERSICHTLICH

 (in Kreuzreimen)


Führt seine Sorge nicht zum Tod,
und lässt sich’s damit leben,
so wird der Mensch in Leid und Not
sich demutsvoll ergeben,

weil er in sich das Hoffen hegt
schon seit den früh‘sten Tagen,
dass ihm nicht mehr werd‘ auferlegt,
als er vermag zu tragen. 

© RKS 2020


EINSAMER WEG

 

Verflogen ist die Sommerzeit,

der Wind streicht um die Kasematten. 

Der Tag ist weit, ist, ach, so weit, 

die Bäume werfen lange Schatten. 


Ich geh‘ allein, der Wind heult hohl,

es scheint mir, dass die Mauern lauschen,

ich hör‘ im Geist dein „Lebewohl!“

noch immer in der Blätter Rauschen ...


©️ RKS 2021

GEGENÜBERSTELLUNG

 

Ich schlafe tief, — sei du mein Wachen; 

bin ganz erstarrt, — sei mein Bewegen;

ich bin die Nacht, — sei du mein Licht!


Ich weine viel, — sei du mein Lachen;

bin wie verflucht, — sei du mein Segen;

ich bin verstummt, — sei mein Gedicht! 


©️ RKS 2021 

FUGATO

 poco a poco ritardando


ich

ich weiß

ich weiß es

ich weiß es nicht,

nicht

nicht ich

nicht ich weiß

nicht ich weiß es,

doch

doch ich

doch ich ahne,

dass das wissen,

nicht zu wissen

ein wissen über

unwissenheit und weisheit ist,

doch

doch ich

doch ich weiß

doch ich weiß es 

doch ich weiß es nicht,

nicht

nicht ich

nicht ich weiß

nicht ich weiß es, 

es

es weiß

es weiß was

es weiß was es

es weiß, was es weiß,

doch ich nicht ...


©️ RKS 2021

Θάνατος

 (Der letzte Gast)


Es folgt ein plötzliches Erkennen

auf des Lebens wildes Rennen,

wenn die letzten Lampen brennen:

Nun tritt ein der letzte Gast. 


Dann verrauscht der laute Reigen,

ringsum nur noch weites Schweigen,

wundersame Träume steigen

auf mit jenem letzten Gast. 


Klagen hilft dir nicht noch Sinnen,

Du kannst nicht mehr neu beginnen.

Wie du bist, gehst du von hinnen

dann mit jenem letzten Gast. 


©️ RKS 2022 

TAGESBEGINN

 

Im tiefen Blau des Morgens

zerfasern letzte Sterne


Die Mondsichel will zum Abschied

die Wälder zerschneiden


Hinter den Hügeln

wird der Glanz unermesslich


Und das Lied der Lerche perlt herab

wie ein Sternschnuppenschauer


©️ RKS 2022 

NACHTSZENE

 

Rose schläft samt Blatt und Dorn,

Sterne glüh‘n am Himmelszelt,

in der Stille ruht die Welt,

Schlummer füllt des Mondes Horn. 


Murmelnd zieht der Bach durchs Feld,

tief im Grunde quillt sein Born

sanft im Winde rauscht das Korn. 

Meine Tage sind gezählt ....


©️ RKS 2022

WALDSEE

 

Hinter Tannen gut versteckt,

wie ein Auge, schwarz und groß,

hat sich mir ein See entdeckt,

der mich nimmermehr ließ los. 


Erst mißfiel mir noch sein Schweigen,

doch als ich es recht bedacht‘,

was die Stille mir kann zeigen,

hat er träumen mich gemacht. 


©️ RKS 2022 

TRANSITORISCH

 (Alles geht vorüber)


Vergangen die Freude, verstummt die Klage, 

ein stilldunkler Schlaf sinkt auf meine Tage,

und was gewesen, erinn‘re ich kaum. 

Alles wird finster und alles Traum … 


Schon schaukelt eine düst‘re Hand

die Wiege mein am Grabesrand, 

und als sei es eines Mächt‘gen Wille,

wird alles still, — auf ewig Stille! 


©️ RKS 2022 

LEVER DE LUNE

 

All mein Verlangen

ist still vergangen,

und aus dem Moor,

als hab’ in Zweigen

er sich verfangen,

seh’ voller Bangen

ganz sacht ich steigen

den Mond empor. 


©️ RKS 2022