3.8.25

GEHORSAM

 eines Tages


werde ich mich verlassen

und allein fühlen

werde nüchtern feststellen 

alle blieben zurück

nur ich ging

diesen einen Schritt weiter 


aus dem Schatten

wird eine Gestalt treten 

lächelnd mit blinden Augen

und meinem Gesicht

wird mich auffordern

mitzukommen und ich

werde ihr folgen


schließlich widerspricht man

seinem Tode nicht


© RKS 2025 

2.8.25

EXPERIMENT

 (misslungen)


beim Versuch

in meiner Photographie 

zu wandern blieb

ich an der Oberfläche

kleben nur mit Mühe

gelang das Entkommen

die Hülle blieb zurück

doch seither finde ich

mich so zweidimensional


© RKS 2025 

IM ÜBRIGEN


Wenn sich Gevatter Tod
neben Dich an die Bar setzt,
ist es im Übrigen völlig sinnlos,
noch auf die Toilette zu flüchten. 

©️ RKS 2025 

NACHTS

 (Nichts für zarte Gemüter) 


auf dem nackten Estrich

frierend kauern nur

die Schmerzen wärmen

zugeschwollene Augen 

helfen gegen das

stets brennende Licht

aber nicht gegen tagelange

Finsternis und Angst

ein Geräusch lässt mich

hochschrecken kommen sie

noch einmal zurück

sitze schweißnass im Bett

nur ein Alptraum


© RKS 2025 

EIN GEDANKE

 (zum Abscheiden) 


Ach, schenke Gott uns sein Erbarmen,

dass wir zu gleicher Stunde sterben!

Wie zu der Liebe letztem Werben

könnt’ ich im Sarge Dich umarmen. 


Ein letzter Glanz wär‘s doch auf Erden

für unsres treuen Bundes Band:

Durchs Leben gehen Hand in Hand, —

und Arm in Arm begraben werden!


©️ RKS 2019 

ABENDSPAZIERGANG

 (voll stiller Trauer) 


Vom Kirchturm war schon längst verklungen

des Abendläutens Glockenschlag. 

Wir beide gingen eng umschlungen

vom Dorf hinan zum nahen Hag. 


Du blicktest auf des Weihers Blinken,

sahst lange einer Schwalbe nach,

und ließest stumm die Wange trinken

ein Zährlein, das dem Aug‘ entbrach. 


Wir trugen unsre Schmerzgebinde

ganz fest umschlungen mit uns fort;

weh blickten wir ins Laub der Linde

und redeten kein einz‘ges Wort. 


©️ RKS 2019 

NICHT GENUG

 

Nicht genug Augen, 

Deine Schönheit zu seh‘n,

nicht genug Ohren,

jedes Wort zu versteh‘n,

nicht genug Hände,

Dich sanft zu liebkosen,

nicht genug Blumen,

nur Flieder und Rosen,

nicht genug Atem,

Dir alles zu sagen

von Liebe und Leben,

und für all meine Fragen ... 


©️ RKS 2019 

DEIN WAHRER RUHEORT

 (nach romantischer Weise) 


Wenn im ersten Morgenstrahl

sich die Trauerweiden neigen

demutsvoll mit allen Zweigen

hin zum stillen Grabe dort,

geht mein Sehnen, Denken all

in des Himmels hohe Weiten,

wo für Zeit und Ewigkeiten

ist Dein wahrer Ruheort.  


©️ RKS 2019 

STILLE, STERNHELLE NACHT

 (beseligt)


Stille, sternhelle Nacht,

des Mondes silberne Pracht

erleuchtet den nachtstillen Fluss. 

Und mich beseligt Dein Kuss

in stiller, sternheller Nacht. 


Silbrig schimmerndes Licht

an Steinen seltsam sich bricht

mit holdem und strahlendem Glanz. 

Dein Kuss beseligt mich ganz

im silbrig schimmernden Licht. 


Dunkel schweigender Wald,

ganz zaubrisch flüstert er bald

von zärtlichem, süßem Genuss. 

Und mich beseligt Dein Kuss

im dunkel schweigenden Wald. 


©️ RKS 2019 

WIEDER AUF DEM KIRCHHOFE

 (schmerzliches Erinnern) 


Heut‘ mein wundes Herz gedenkt,

wie in herber Trauer wir,

als man Dich ins Grab gesenkt,

gaben leisem Abschied Dir. 


Ach, das Leid in diesem Leben

ist mir rauhe, harte Kost,

und an Aug‘ und Seele kleben

bitt’re Tränen noch wie Rost. 


©️ RKS 2019

HEIMLICH

 (in einer Sommernacht)


Wir schlichen mit klugem Bedacht

aus dem Licht, der Menschen Gewühle,

zu zweit in die trauliche Kühle

der sommerlich blauschwarzen Nacht. 


Wir suchten ein zärtliches Glück 

und wollten der Welt es verhehlen,

wir bangen und schmachtenden Seelen. —

Die Nacht aber sah jeden Blick. 


Was Sternenlicht auf uns gehaucht, —

das Schöne, das Ewige, Reine, —

wir genossen’s im silbernen Scheine 

in süßliche Düfte getaucht. 


©️ RKS 2019 

KONFLIKT II

 (aus biblischer Zeit) 

Als Judith ihren Schnitt machte,
reagierte Holofernes völlig kopflos. 

©️ RKS 2017

SONNENWALD

 (Paarreime) 


Es lässt sich kaum beschreiben,
sieht man dort weit und breit
das gaukelnd wilde Treiben,
der Schmetterlinge Zeit. 

Sie taumeln und sie fliegen,
die Mittagssonne glüht,
und selig sie sich wiegen
auf allem, was da blüht. 

Hier die Natur belauschen,
das ist mir wie ein Traum. 
Der Vögel buntes Plauschen
tönt froh von Baum zu Baum. 

Und an des Waldes Rändern
seh‘ ich im Sonnenglanz
in schillernden Gewändern
der Falter zarten Tanz,

und die Gedanken schweben
mit ihnen durch die Luft. 
O selig stilles Leben
in meines Waldes Duft! 

© RKS  2021

ABEND IM GEBIRGE

 (abba cddc effe) 


Die Nacht sinkt leise schon zu Tal,
die Gipfel fangen letztes Licht, 
Konturen schwinden Schicht um Schicht,
und Wald und Felsen werden fahl. 

Vom Dorf her tönt ein Glockenschlag,
er rollt durchs Tal hangab, hangauf, 
der Bach folgt seinem krummen Lauf,
rinnt und eilt fort, so wie der Tag. 

Die Zeit berührt die Zirbe kaum,
ganz anders als mich Menschenkind,
doch ich flieh‘ mit dem Abendwind
rasch sternenwärts in einen Traum. 

© RKS 2024

1.8.25

DUPLIKAT?

 

neulich kam einer
und behauptete stur
er hätte mich da gesehen
wo ich im Leben nie war 
sogar mein Barett
habe ich aufgehabt
insistierte der Kerl 
und ich begann allmählich
zu befürchten er könne
am Ende recht haben
und ich wäre gar kein
Unikat nur ein
Einzelgänger 

© RKS 2024

KONFLIKT I

 (aus biblischer Zeit)


Als David ins Schleudern kam,
fühlte sich Goliath vor den Kopf gestoßen. 

©️ RKS 2017

DEINE STIMME

 (Sonettversuch) 


Aller Nachtigallen Singen
ist so lieblich nicht, so reich,
wie es Deiner Stimme Klingen
ist, so hell und zart und weich. 

Alle Welt scheint Dir zu lauschen,
sehnend sich zu Dir zu neigen,
alle Tiere lustvoll schweigen,
selbst der Bach hört auf zu rauschen. 

Still der Winde stetes Fächeln,
still der Wälder trautes Summen,
überall ist nur Verstummen,

nirgendwo ist noch ein Raunen,
nur ein liebend stilles Staunen, —
selbst der Schmerz beginnt zu lächeln. 

© RKS 2018

TAGESABSCHIED

 

Der Tag ist nun geschieden. 
Es hat mit ihrer Zaubermacht
bedecket ihn die stille Nacht;
sie kleidet sich in Sternenpracht,
und alles ruht mit Frieden. 

Nun leuchtet, all ihr Sterne!
In eurem Licht, so hold und rein,
erquicke sich mein ganzes Sein,
versinke aller böser Schein,
und bleib‘ für immer ferne! 

Mein‘ Kummer, Leid und Sorgen
bedecke euer nächtlich‘ Kleid,
ich will in Abgeschiedenheit
genießen dieses Friedens Zeit,
bis neu mir tagt der Morgen. 

© RKS  2019

ALIENATIO

 (Triolett)


Wir sind entfremdet uns im Herzen,
zerrissen ist der Liebe Band. 
Ich kann nicht lachen mehr noch scherzen,
wir sind entfremdet uns im Herzen. 
Mich quälen tausend Liebesschmerzen,
ein Leid, wie ich es nie empfand. 
Wir sind entfremdet uns im Herzen,
zerrissen ist der Liebe Band. 

© RKS 2020

STILLE RÄUBER

 

Um nicht still unterzugehen
im Meer des Wesenlosen, 
zog ich mich mit letzter Kraft 
ins Boot der Hoffnung,
und ruderte an den Strand
des Lands der Träume,
um dort die Tiefe
der Seen der Gedanken
tauchend zu ergründen. 

Ein Schwarm von Ideenfischchen und
eine Schule bunter Einfallsdelphine
begleitete meinen lautlosen Flug. 

Und plötzlich waren da
Zweifelshaie …

©  RKS  2022

ÜBERRASCHENDE ENTDECKUNG

 Frau Szeghalmy


in unseren Spielen
hat sie uns eher bestärkt
nicht wie andere ausgeschimpft
wegen des Lärms 
bei unseren Streunereien
durch die nahen Wälder
hat sie uns fröhlich begleitet
erklärte und zeigte Dinge
sang und tanzte mit uns

und wenn wir ihr
bei Einkäufen und Verrichtungen
zur Hand gingen
gab es neben ein paar Groschen
ihrer nicht üppigen Rente
für jeden auch ein
„Bist du goldig!“ im
wunderbaren Akzent ihrer Heimat 

alte Dame voller Güte
liebe Erinnerung an Kindertage 

© RKS 2024

ZWEIERLEI PANIKEN

 (Quartain) 


Bin nicht geboren für den Tod;

er ängstigt mich doch sehr. 

Doch in dieser Welt unsterblich sein,

fürcht‘ ich bei weitem mehr. 


© RKS 2025 

BEGABT

 Schweigen

fällt mir leicht

ich kann es

in tausend Sprachen 


© RKS 2025 

DOPPELT TRAURIG

 (Zum 100. Geburtstag von Ernst Jandl)


ich beweine alle flaschen

in den glascontainern

ich besetze alle stühle

auf dem dachboden


ersteres versteht jeder säufer

letzteres nicht mal ich selbst


© RKS 2025

AUCH MEINES VATERS TOD

 (abbbccbbba, in memoriam Ernst Jandl)


auch meines vaters tod

ließ mich nicht ungeschoren

im kreis der omnivoren

aß ich ganz unverfroren

bei seinem leichenschmaus

brav meinen teller aus

drum ward ich auserkoren

zu werden neu geboren

hab‘ weinend mich verloren

im stillen abendrot 


© RKS 2025