23.12.25

AMBIVALENTE WÜNSCHE

 

Ich wünscht‘, gleich einem Geigenspiel,
könnte mein Herz Dir singen.
Es wär‘ des Klanges wohl zuviel, —
die Saiten würden springen. 


Ich wünscht‘, ich könnte voller Macht
den Drang, Dich zu liebkosen,
in Blumen wandeln in der Nacht, —
doch wär’n es zuviel Rosen!


Ich wünscht‘, mir träumte noch einmal,
Dich innig heiß zu küssen, 
doch wär‘s mir eine wilde Qual,
erwachen dann zu müssen.


©️ RKS 2018 



TROSTLIED

 

Als ich in Seelennot geklagt,
hat niemand Mut mir zugesprochen.
Als mir das Herze ward gebrochen,
hat nirgends Hilfe mir getagt. 


Dann kam aus Himmelshöh‘n gezogen
ein Trostlied fein, zu hören kaum:
Und plötzlich war mein Leid wie Schaum,
wie Nebel aller Schmerz verflogen ...


©️ RKS 2020 



22.12.25

AIRMAIL

 

Ach, ich trag‘ dein lieblich Bild 

stets in meines Herzens Grunde,

das so süß und wundermild 

mir vergoldet jede Stunde. 


Täglich drum in mir erklinget 

froh ein zärtlich‘ Liebeslied, 

das sich jauchzend aufwärts schwinget,

und dann eilends zu dir zieht. 


©️ RKS 2022 


TEMPUS OMNIA MUTAT

 

Halt' nicht fest an deinem Jammer!

Weinen bringt vergang'nes Glück 

niemals aus der tristen Kammer 

des Gewesenen zurück. 


Lass das Wissen in dich dringen:

Steten Wandel bringt die Zeit; 

zwar hat Freude Adlerschwingen, 

— doch die hat auch jedes Leid.


© RKS 2020 



NISI HOC MODO

 
Oft hab‘ ich dir geschrieben,
was sich in mir geregt,
welch innig tiefes Lieben 
mein Herze für dich hegt. 

Ach, ich kann dieses Wühlen 
tief in der Seele mein,
dies wundersame Fühlen
nur künden so allein. 

©️ RKS 2025 

Überarbeitung der Verse von 2022. 

SILENTIUM

 (Sestain)

Ich spür‘, wie aus der Seele Grund 

ein Wort, das nie noch ausgesprochen,

sich auf die Zunge schleichen will. 


Da küsset mich dein roter Mund, 

ich fühl‘ des Herzens wildes Pochen, 

— und schweige still. 


©️ RKS 2022 



DONAU IM HERBST

 

Von den Vorbergen grüßt 

in buntem Kleid der Wald.

Der Wind singt von den fernen Weiten 

des Ostens auf seinem Flug 

hinaus in die weite Ebene. 

Die Isar bringt den Alpengruß,

und die Glocken von Sankt Mauritius 

klingen den Fluss entlang.

Träge wälzen sich die Wasser 

auf ihrem Weg zum fernen Meer.

Laub tanzt verspielt am Ufersaum, 

nimmt meine Sehnsucht mit sich,

lässt Gedanken und Träume fliegen.


©️ RKS 2025 


Überarbeitung eines Gedichts von 2019. 


HEAVEN ON EARTH

 

Reglos liegt das Land,

den launischen Herbst

gleichmütig ertragend. 

Das Wäldchen duckt sich 

unter dem kalten Novemberwind. 

In den Pfützen des letzten Schauers

spiegeln sich Wolken und Blau. 

Mir scheint, der Himmel ist

auf die Erde gefallen. 


©️ RKS 2025 



SCHUTZMAẞNAHME

 

Ein frostiger Wind 

rupft an mir. 

Ich ziehe deshalb 

die Decke der Träume 

etwas enger,

und tauche wieder

ab ins Märchenhafte. 


©️ RKS 2025 



19.12.25

GRUNDBEDARF

 (Nach berühmtem Vorbilde)


Man braucht nur eine Kerze, 
die Licht ins Dunkel bringt. 
Man braucht nur  e i n e n  Menschen, 
— den aber unbedingt. 

©️ RKS 2021

Mascha Kaléko in herzlicher Verehrung 


IN EXPECTATIONE

 

ich saß still da

wartend erwartend

mit zunehmender Sehnsucht

nach dem noch nicht erschienenen

noch nicht materialisierten Wort 

das mit seinen Gefährten als 

Form als Aussage als Gedicht 

mit schimmernden Flügeln

leicht und zart und schön

wie von Schmetterlingen 

mich sanft umgaukelnd

mit strahlenden Farben 

in rot und gelb und weiß und 

violett wie von Blumen

Verbalgemälde schaffend

aufmerksam werden ließe 

wenn es mir in der Stille

unaufdringlich aber dennoch 

unübersehbar unüberhörbar 

auf leisen Sohlen

entgegenkäme. 


©️ RKS 2025 



SCHMERZLICHES ERINNERN

 

Als Du damals mir entwunden, 

blieb im Herzen mir zurück 

all der ungelebten Stunden 

nun nicht mehr erfülltes Glück. 


Ungeküsst mit Dir entschwebte 

auch so mancher Kuss hinfort, 

und in meiner Seele lebte 

noch manch ungesagtes Wort. 


Liebe tief im Herzen brannte 

mir mit starker, heißer Glut, 

und von meiner Augen Kante 

floss der bittern Tränen Flut.


© RKS 2019 


TRAURIG

 

Wohin das Auge Du schickest, 

stets rote Rosen aufsprießen.

Wohin Du immer auch blickest, 

sich duft'ge Blüten erschließen.


Weil Deine Augen mich meiden, 

erwachsen um mich lauter Ranken 

von kummervoll trauernden Weiden 

voll heimlicher Liebesgedanken.


© RKS 2018 


HERZSCHLAG

 

Ist es der Schlag des Herzens, 

oder der Puls der Zeit, 

dessen Widerhall mein Inneres erbeben lässt? 

Ein Pochen geht mir 

durch Geist und Seele, 

mich anstoßend, ohne klares Ziel, 

nur Unruhe verbreitend …


Doch dann legst Du mir zart 

die Hand auf den Arm, 

blickst mir tief in Augen, Herz und Seele, 

— und alle Unruhe flieht, 

und der gemeinsame Pulsschlag 

gibt mir Ruhe und Frieden, 

weil ich der Liebe gewiss sein darf. 


© RKS 2025 



WENN DÄMMERSCHATTEN SCHREITEN

 

Durch Winternächte Töne gleiten, 

ein Lied in Moll elegisch schwingt.

Wie sehr man mit dem Leben ringt, 

wenn Dämmerschatten schreiten ... 


Erschallt durch sommerliche Weiten 

ein Lied in Dur, das jauchzt und singt, 

so spür' ich, dass es hohl doch klingt, — 

wenn Dämmerschatten schreiten ...


© RKS 2018 


18.12.25

STRANDIDYLL

 
Nackte Füße
auf brüchigem Glas
an Rändern vereinzelt 
dunkle Blüten aus Blut 
ein Wellenrauschen 
übertönt die Schreie 
wohl nur Möwen
Schmerz einfach 
fortgeschwemmt

©️ RKS 2025 


KEIN ANDERER WEG

 
Nach und nach
dunkelte die Welt ein 
sanken unsere Tritte 
einem Ende zu
im Ungewissen 
ein Schrei und Schweigen
deshalb blieb 
trotz der Furcht
vor den dunklen Schlünden
kein anderer Weg
als in uns und durch uns 
herzauf zum Licht 

©️ RKS 2025 


ABNEIGUNG

 (wider Claudius Appius Caecus)


Wenn mir immer wieder gesagt wird,
dass jeder seines Glückes Schmied sei, 
dann muss ich einmal anmerken, 
dass mir schon als Kind der Geruch 
der Arbeitskleidung von Angehörigen
aus metallverarbeitenden Berufen 
aus tiefsten Herzen zuwider war. 

©️ RKS 2018