17.10.25

FÜRBITTE ZUR NACHT

 (Vierzeiler, vier Strophen, Kreuzreime, wechselnde Kadenz)


Schließe ihr die Lider leise,

Herr, mit Deinen Händen zu!

Lass‘ den Mond auf seiner Reise

sanft beleuchten ihre Ruh‘!


Senke Deinen holden Frieden

ihr im Schlafe in das Herz,

lass‘ ihr Ruhe sein beschieden,

dass sie fühle keinen Schmerz!


Herr, verbanne jeden Kummer

diese Nacht und jeden Tag!

Gib, dass sie in ihrem Schlummer

süße Träume haben mag!


Tue Du ihr dann am Morgen

wieder neu die Augen auf,

ach, und halte alle Sorgen

von ihr fern im Tageslauf!


© RKS 2018

16.10.25

NUIT EN VILLE

 

Wie Efeuranken wächst

die Dunkelheit empor

als trennende Wand

zwischen den Geschöpfen

Das verdreckte Rauschen

der Straßen treibt wie 

ein Schwarm verschreckter Fische 

an den Strand des Gehörs

In den stilleren Gärten

häuten sich Bäume

werfen das Tageskleid ab

und saugen mit tausend Tentakeln

die Partikel des Mondlichts ein 

Gedanken ducken sich 

selbst in den Schatten 

der Gräser sind die wenigen

Verstecke überfüllt


©️ RKS 2025 

SCHWERE REISE

 (abab acac adad)


Mein Herz ist mir so wund und schwer, 

als plagte es ein Traum.

Ich fahr' durch Berge hin zum Meer, 

und seh' die Landschaft kaum.


Den Sinn bedrückt Erinn'rung sehr; 

einst reist' ich hier mit Dir.

Der Platz an meiner Seit' ist leer, 

ich bin so einsam hier.


Wo nehme ich den Trost jetzt her, 

der meinen Kummer stillt?

Gedanken steigen mehr und mehr, — 

der Tränenborn, er quillt.


©️ RKS 2018 

HERBSTGEDANKEN

 herbstgedanken

sonne will hinwegtäuschen 
über kommendes grau 
möchte uns vergessen lassen 
die tristen novembernebel und
eine illusion des sommerlichen erzeugen 

ich lasse mich gern täuschen 
tanke freude auf vorrat 
und licht für trübe tage 
die illusion mag zur erinnerung werden 

sich des lichtes erinnern 
im herbstesgrau und winterdunkel 
der fröhlichkeit gedenken 
die uns das kommende bringen wird  

antidepressivum auf 
naturbasis 
überdosierung völlig 
unbedenklich 

© RKS 2018 

TREIBGUT I

 

Blasse Metaphern
treiben matt dahin
auf den trüben Wassern 
des Sprachflusses
tauchen stumm 
ins Unsagbare
sinken hinab zum Grund 
nach Worten suchend

© RKS 2024

SELBSTBESCHREIBUNG

 

Bin nicht Stein noch Baum

habe Arme Beine und diese

undurchschaubaren Augen in

denen sich Wolken spiegeln 

still existierend und alt 

wie ein geheimnisvoll

trauriger Tümpel versteckt

in den Wäldern des Seins


©️ RKS 2025 

15.10.25

REZEPT ZUM ENTSCHLUMMERN

 

Knöpf’ die Müdigkeit in den Pyjama,

schalt‘ das Singen in dir aus,

klapp‘ es zu, das Seelendrama,

hol‘ die Schnecke aus dem Haus!


Fahr‘ die Augenjalousien runter,

sperr‘ das Mondlicht in den Schrank,

tauch‘ im dunklen Zimmer unter

oder sage, du seist krank!


Zähl‘ die Schafe und die Ziegen,

spiele nicht mehr mit dem Hund,

lass‘ die Schmetterlinge fliegen

und denk‘ alle Ecken rund!


Stell‘ dir vor, du lutschst an Seife

und der Schaum schmeckt wie Gemüs‘,

bind’ den Schlaf wie eine Schleife

um die Händ’ dir und die Füß‘!


Höre auf mit deinem Zittern,

mach‘ die Augen einfach zu,

lass‘ die Träume in dir schlittern

und denk‘ an die blinde Kuh!


Kriech‘ in eine kleine Kiste,

stopfe sie mit Watte aus,

schreibe keine lange Liste,

sondern denk‘ an eine Maus!


©️ RKS 2020 

LEBENSFRAGEN

 

Wenn zu Tal die Bäche springen,

gurgelnd ihre Lieder singen,

fragt sich manches Mal mein Herz:

Ist‘s aus Freude oder Schmerz?


Wenn im Wind die Wälder rauschen,

Blätter tuschelnd Worte tauschen,

möchte ich sie manchmal fragen:

Ist’s ein Jubeln oder Klagen?


Wenn statt Wäldern oder Bächen

aber nun wir Menschen sprechen,

fragt man sich von Zeit zu Zeit:

Gibt es nichts als Glück und Leid?


Denk‘ bei all des Lebens Stoffen:

Gibt‘s im Leiden nicht auch Hoffen,

Ist das Glück stets ungetrübt?


Bist nun von einem du betroffen,

so halt‘ dein Herz der Frage offen:

Bin ich darin genug geübt? 


©️ RKS 2020

KRITIK

 

Da manchen schon ein Reim genügt,

drum sage ich hier schlicht:

Nicht alles, was zum Reim sich fügt,

ist wirklich ‚ein Gedicht‘!


©️ RKS 2019

    

SOUVENIR

 

Ich habe mir in diesen sommerlichen Tagen

ein Tannenreis vom Walde mitgebracht. 

Es soll mir einst in spät‘ren Zeiten sagen,

wie süß die holde Nachtigall geschlagen,

wie ich dort liebend deiner hab’ gedacht. 


©️ RKS 2019 

GLÜCKSGEFÜHL

 (Triolett)


Als mir dein Mund von Liebe sprach,

hat reines Glück mein Herz durchzogen! 

Der helle, lichte Tag anbrach,

als mir dein Mund von Liebe sprach, 

es wich von mir all Ungemach,

der letzte Schmerz ist noch verflogen ...

Als mir dein Mund von Liebe sprach,

hat reines Glück mein Herz durchzogen! 


©️ RKS 2019 

GEBUNDEN

 

Ich versuchte, zu verdrängen,

was die Seele mir umflocht. 

Es blieb an tausend Fäden hängen,

tausend Knoten, tausend Zwängen, ...

Zu lösen mich aus diesen Fängen

habe niemals ich vermocht. 


©️ RKS 2019 

TRAUERREDE AUF EINE BLUME

 

Sie loben deinen Duft, 

sie preisen deine Farbe

halten dich in Händen, 

werfen dich in Gräber, oder

lassen dich in Gefäßen mit

Wasser langsam sterben …


O meine betrogene Rose,

die man so misshandelte;

ich will stille deiner gedenken!


©️ RKS 2025 

CETTE LETTRE

 

Vor langer Zeit,

wer weiß, ob es wirklich

in diesem Universum war,

erreichte mich ein Brief. 


Heute eine Sensation, 

war das damals völlig normal. 

Er sah aus wie jeder normale,

x-beliebige Brief, enthielt 

nur Belangloses. 


Aber er wollte, sollte Herold sein

von Großem, Gewaltigem …


Das Ereignis, 

keiner weiß, welches,

trat nie ein. 


©️ RKS 2025