13.10.25

DEM VATER ZUM ABSCHIEDE V

 

Kein Wort, nicht einen Ton, kann jetzt ich sagen,

weil hart die Zunge sich des jäh verwehrt. 

Das Herze stockt, es will nur lautlos klagen, 

da Du zu Gott bist nunmehr heimgekehrt. 


Die Trennung währt, bis diesen Tags Beschwerde

ein andrer Tag, der besser wird, einst stillt. 

Ach, Raum und Zeit sind hier auf dieser Erde

für Fremde nur, die stets ein Heimweh füllt. 


Ich tret‘ vor Gott mit meinem ernst Gebete,

es mög’ auch mir dereinstens sein vergönnt,

dass ich zu dir ins Land des Friedens trete,

von dem mich hier des Todes Tor noch trennt. 


©️ RKS 2022

DEM VATER ZUM ABSCHIEDE II

 

Mögen Engel dich begleiten

voller Liebe, zart und mild,

aus den erdenschweren Zeiten

hin ins himmlische Gefild‘! 


Unser Weg muss weitergehen;

traurig sagen wir: „Adieu! -

Wollest segnend auf uns sehen

aus des Himmels lichter Höh‘!“


©️ RKS 2022

12.10.25

LAST SUPPER (Tragedy)

 

Der Hund sitzt da und bellt;
Herrchen Kartoffeln pellt.

Die Katze sitzt und schreit;
Herrchen Kartoffeln schneid't.

Die Frau ein Rätsel rät;
der Mann Kartoffeln brät.

Der Hund ist angepisst;
Herrchen Kartoffeln isst.

Die Katze grimmig guckt;
Herrchen Kartoffeln schluckt.

Plötzlich lacht die Frau;
der Mann würgt und wird blau. 

Herrchen am Boden liegt;
Kartoffel ihn erstickt´. 

Das Mahl ging in die Binsen;
Frau, Hund und Katze grinsen.

© RKS 2012

10.10.25

IT‘S IN VAIN

 

Ach, ich stehe sinnend heute

schweigend vor dem alten Haus. 

Drinnen leben fremde Leute,

alles sieht ganz anders aus. 


Schon erfasst mich stilles Grauen, 

nichts Vertrautes, alles trist …

Ja, umsonst scheint all mein Schauen, —

alles längst vergangen ist. 


©️ RKS 2025

SCHÜCHTERN

 (Vierzeiler, 4 Strophen, Kreuzreime, wechselnde Kadenz) 


Zu ihr geh‘n meine Blicke,

kein Wort dem Mund entflieht; 

es fesselt mich wie Stricke,

was mir durchs Herze zieht. 


Ich liebe sie. Wie Feuer

das Herz es mir durchglüht. 

Ihr Mund ist mir so teuer,

der rot und süß erblüht. 


Ich finde es so schmerzlich,

dass Küss’ er mir nicht gibt,

lieb‘ ich sie doch so herzlich,

wie niemand sonst sie liebt. 


Noch kann ich ihr nicht sagen,

was brennend in mir steht, —

will‘s vielleicht morgen wagen,

wenn sie vorübergeht ....


© RKS 2025

EINSAM

 (Sechszeiler, Spiegelreim, durchgehend stumpfe Kadenz)

 

Kein Mensch hört mehr den andern, 

ob wir auch lauthals riefen

in diesem blinden Wallen …

Wenn stille Nebel fallen

gleich Blei bis in die Tiefen,

wie taub im Grau wir wandern. 


©️ RKS 2025 

9.10.25

LIEBESWÜNSCHE

 (Vierzeiler, 2 Strophen, Kreuzreime, wechselnde Kadenz)


Ich wäre gern der milde Wind, 

der sanft die Haut dir kühlet,

wär‘ gern die Flut des Bächleins lind,

die deinen Fuß umspület.  


Ich wäre gern der Blütenduft,

der um dich niedersinket, 

wär‘ gern die laue Abendluft, 

die süß dein Atem trinket. 


©️ RKS 2025

8.10.25

CIRCLE OF LIFE

 

wie das Sein es will
singt der Wind leise
sein uraltes Lied
alles muss vergehen 
und alles bleibt dennoch
wispert der warme Regen
Baum treibt eine neue Blüte 
deren Frucht an Zweigen
in stiller Sonne reift 
sich fügend in den Kreis
der Leben und Sterben
stets wiederbringt 

© RKS 2025

6.10.25

DANN …

 


Wenn sich die Nacht zum Tag hinneigt,

wenn sich die Morgensonne zeigt,

die Lerche froh zum Himmel steigt,

— dann denk‘ ich Dein!


Wenn mittags heiß die Sonn‘ erstrahlt,

wenn Wolken weiß der Himmel malt,

das Wetter Regentränen zahlt,

— dann denk‘ ich Dein!


Wenn Abendlicht die Schatten längt,

wenn Glockenklang in Lüften hängt,

das Dunkel von den Dächern drängt, 

— dann denk‘ ich Dein!


Wenn all mein Sinnen bei Dir ist,

wenn Sehnsucht mir das Herz zerfrisst,

die Träne meinem Aug‘ entfließt, 

— denkst Du dann mein? 


©️ RKS 2020 

SÉRÉNITÉ

 

Strahlend ist der Weg im Glücke,

finster jener hin zum Leide, 

darum dich mit Gleichmut kleide, 

gehen musst du letztlich beide, —

nutz‘ Gelassenheit als Brücke! 


©️ RKS 2025 

4.10.25

SACHSTANDSANFRAGE

 

Trägst Du heiter und gelassen,

wozu man dich einst berufen, —

Stein zu sein auf Wegen, Stufen,

auf den Straßen, in den Gassen, 

und sich klaglos treten lassen?


©️ RKS 2025 

ZEITLOS

 Als Maß des Lichtwegs


entquillt der Uhr stumm

der Fluss der Zeit


Verstaubte Zeiger deuten

auf inhaltslose Zahlen 

den Zeigern bedeuten Begriffe

wie Stunden und Minuten 

nichts


Niemand zählt mit wie 

die Zeit sich träge wiegt 

Vergangenheit zu werden


In finster starrenden Fensterhöhlen

und verlassen zitternden Spinnweben

erzeigt sie sich uns und 

an unseren Leibern nicht 

minder als trister Verfall 


— zeitlos


© RKS 2024 

2.10.25

UNERWIDERTE LIEBE

 (Vierzeiler, 2 Strophen, Kreuzreime, wechselnde Kadenz)


Ich sah die Trauerweide neigen

voll Sehnsucht sich hinab zum Bach. 

Sie drängt’ mit ihren langen Zweigen

dem Rauschen seiner Welle nach. 


Doch wie ihr auch die Äste beben

und ihre Blätter recken sich,

sie muss in falschem Scheine leben;

der Welle ist‘s nur lächerlich. 


©️ RKS  2018 

FERNWEHWOLKEN

 

(Vierzeiler, 3 Strophen, Kreuzreime, wechselnde Kadenz)

Am Himmel ziehen wieder 

die wilden Wolken hin 

wie alter Sehnsuchtslieder

zartbittre Melodien.


Ihr Lied kann nur verstehen, 

wer auf der großen Fahrt 

bei Sonn' und Sturmeswehen 

weit auf dem Meere ward. 


Ich lieb's, wenn sie wie Rosen 

am Himmel steh'n im Wind, 

weil sie uns Ruhelosen 

Brüder und Schwestern sind.


©️ RKS 2018 

DES HERBSTES ZAUBERREICH

 

Ein Nebelstreif durchtrübt die Luft, 
Spätsommerwärme weicht,
von Blättern strömt schon Moderduft; -
der Herbst hat mich erreicht. 

Die Winde wehen hart von West, 
auch Regen zieht herein. 
Nun feiert tristes Grau ein Fest
und hüllt das Bunte ein. 

Jedoch ich mag die trübe Zeit
mit Regen, Reif und Wind,
trägt sie auch wohl ein schäbig Kleid
wie ein verarmtes Kind. 

Das Kleidchen strahlt in farb‘gem Schein,
dem Blütengarten gleich. 
Ich liebe, wär‘ ich auch allein,
des Herbstes Zauberreich. 

© RKS 2018

1.10.25

DEM VATER ZUM ABSCHIEDE IV

 

Nur blasser Kerzen Schimmer füllte

ganz zaghaft der Kapelle Nacht,

die dunkelnd auch das Herz umhüllte,

da trauernd deiner wir gedacht. 


Doch ahnte man ein heimlich Strahlen

wohl dringen her zu uns mit Macht,

als wir dich Gottes Lieb‘ empfahlen, 

die dich umfangen möge sacht. 


©  RKS  2022

DEM VATER ZUM ABSCHIEDE III

 

Du wandertest schon lange, 

dann kam ich bei Dir an. 

Du nahmst mich an den Händen,

mich leitend meine Bahn. 


Jetzt muss ich leidend sehen,

dass du nun kannst nicht mehr. 

Ich muss ein Stück noch gehen,

ist auch das Herz mir schwer. 


Doch nein, auch du gehst weiter,

wenn auch auf andrer Bahn; 

steigst auf der Jakobsleiter

befreit nun himmelan. 


©  RKS  2022

SELMA MERBAUM

 

Dieses Buch 
ich trage es bei mir 
nur ein dünnes Buch
mit siebenundfünfzig Gedichten
und doch ein Leben
nur ein kurzes 
dem man Dauer nicht gönnen wollte
und ich dachte mir 
die Last würde drücken
der Rücken schmerzen
von so viel Leid
doch lässt sie heute noch
meine Seele lächeln

© RKS 2024

Selma Meerbaum-Eisinger, 1924 in Czernowitz als Selma Merbaum geboren, starb 1942 im Lager Michailowka (in der heutigen Ukraine gelegen). Da sie nur achtzehn Jahre alt werden durfte, ist das Werk, welches sie uns hinterließ, nur recht schmal. Gerade einmal 57 Gedichte wurden durch Freundinnen gerettet, und Selma so dem Vergessen entrissen.