25.9.25

MORS CERTA

 (2 Strophen, Vierzeiler, Kreuzreime)


Dann steht, hoch aufgeschossen,

die Wand des Abschieds hinter dir,  

so endgültig, verschlossen,

ganz schwarz und klinkenlos die Tür. 


Ein Blick zurück — vergebens,

weil man von dort nichts sieht,

und das Terrain des Lebens

ist ab dann Sperrgebiet. 


© RKS 2025

NACHTMAHR

 

auf dem nackten Estrich

frierend kauern nur

die Schmerzen wärmen

zugeschwollene Augen 

helfen gegen das

stets brennende Licht

aber nicht gegen tagelange

Finsternis und Angst

ein Geräusch lässt mich

hochschrecken kommen sie

noch einmal zurück

sitze schweißnass im Bett

nur ein Alptraum


© RKS 2025 

ZUKUNFT 2029?

 (dystopisch)

Wer hätte das denn ahnen sollen?! —

Die Züge wieder ostwärts rollen,

und manche sind ad hoc verschollen,

die Haltung hatten zeigen wollen. 


Wer auf das Grundgesetz einst schwor,

der wandert nun durchs Lagertor. 

Der Rest schließt Augen, Mund und Ohr,

kommt so dem Abtransport zuvor. 


Man schweigt, ist hin- und hergerissen,

um später dann von nichts zu wissen. 


© RKS 2025

OKTOBERMORGEN

 (Freie Lyrik)


Maschinengeschorener

Naturschopf ohne

Tönung strubbelig

grabengescheitelt


Dachsmond verbirgt

noch Sein vor dir


doch brechen rasch

Konturen ins Grau 


©️ RKS 2025  

WIE DER WALD

 

Baum für Baum für Baum 

reckt sich jeder in die Höhe 

Sonne und Wind zeigen den Raum 

Berührungen nur am Rande 


Durch Unterholz und Moos bedeckt

unsichtbar ganz tief in der Erde 

strecken sie ihre Wurzeln aus 

und halten einander fest 


So auch wir

im Verborgenen


©️ RKS 2025

GEDANKEN VORM EXIL

 

wir werden uns beschränken

müssen bei unserem Weggehen

das eine Flucht sein wird

nur wenig kann man mitnehmen

wenn der Weggang plötzlich passieren muss

das Wenige wird zum Zeichen

der Endgültigkeit

und schon die Gedanken 

die eigenen Worte

wiegen schwer genug


©️ RKS 2025 

HERBSTGEDANKE

 (Haiku)


Nebel und Leben —

beides so undurchsichtig 

und geheimnisvoll 


©️ RKS 2018 

ALLTÄGLICH

 (Sechszeiler, Paarreim und umarmender Reim)


Es ist alle meine Tage

meiner Seele Sorg‘ und Frage,

ob das Streben in mir wohnt,

ewig Liebe dir zu geben,

Dir zu weihen ganz mein Leben, —

Dir, die mir im Herzen thront. 


© RKS 2020 

BEDENKENLOS

 (Vierstrophig, 10-/6-zeilig, Paarreime)


Ich geb‘ Dir zu eigen

mein Reden, mein Schweigen,

ohn‘ Zögern und Schwanken

auch alle Gedanken,

mein Hoffen und Sehnen,

die Freuden, die Tränen,

die Wünsche und Ziele

und alle Gefühle

will gern ich Dir schenken

ohn‘ jedes Bedenken. 


Was tief in mir stehet, 

was je ich erflehet

vom göttlichen Walten,

was sich mag entfalten,

das Gute, die Fehle,

sogar meine Seele

in Glück und in Leid,

auch all meine Zeit

will ohne Bedenken

ich gerne Dir schenken. 


Mein Haben und Sein

sei Dein ganz allein!

Im Leben, im Sterben,

in Glück und Verderben,

sollst jegliche Gaben

nur Du, Liebste, haben. 


Die Nähe, die Ferne,

gar Sonne und Sterne,

den Mond und die Erde

und was je noch werde,

will gern ich Dir geben,

denn Du bist mein Leben. 


© RKS 2018

24.9.25

KEIN ANDERER WEG

 

nach und nach

verschatten unsere Wege

sinken unsere Tritte

einem Ende zu

und es bleibt

beinah erstorben 

vor den dunklen Schlünden

kein anderer Weg

als in und durch uns 

herzwärts zum Licht 


©️ RKS 2025 

KORRESPONDENZ

 

Du schriebst, du habest all
meine Briefe sorgfältig aufbewahrt. 
Das beruhigt mich ungemein. 

Was mich enorm beunruhigt,
ist die Tatsache, dass ich dir
niemals schrieb. 

©️ RKS 2016 

23.9.25

SOLO SIEMPRE TÚ

 (Freie Lyrik)


du wühlst — ein Ohrwurm —

in meinem Sinn herum

bist nicht aus dem Kopf

zu bekommen und lässt

mich im Wiegeschritt tanzend

durch Straßen und Leben gehen 

gibst den Takt im

Lebenslied vor


© RKS 2024

ARZNEI

 (Freie Lyrik) 


Gegen das Vergessen

alles wie gewachsen

naturbelassene Sucht

ohne Zusatzstoffe


Zu den Risiken

kommen Nebenwirkungen

und Fragen beim Apotheker 


Verschreibungspflichtig

alle Kassen


© RKS 2024

SERATA IN MONTAGNA II

 (2 Strophen, Vierzeiler, Kreuzreime)


Auf den abendstillen Gipfeln

glüht der Sonne letzter Schein,

Wind spielt mit den Tannenwipfeln,

und die Nacht sinkt leis‘ herein.


Dunkel liegt schon auf den Auen,

aus dem Tal kommt Glockenklang,

dankend wir zum Himmel schauen,

wo der Mond zieht still entlang.


© RKS 2020 

JE NACH DEM

 (Freie Lyrik) 


Ob die Sonne golden leuchtet,

oder der Mond silbern scheint,

wechselt der spiegelnde See

modebewusst sein Kleid. 


Ob der junge Morgen anbricht,

oder der Tag abends zur Ruhe geht,

fliegen die geselligen Gänse

laut schnatternd herein. 


Ob es morgens wunderbar hell,

oder am Abend herrlich dunkel wird,

wirft sich der schweigende Wald

wortlos seinen langen Mantel

in grün oder schwarz über. 


Ob wir uns angeregt unterhalten,

oder beredt miteinander schweigen,

tauchen unser Blicke vielsagend

und vertraut ineinander. 


Aber ob wir einander ganz nah sind,

oder durch unzählige Meilen getrennt,

wir beide ruhen immer gemeinsam

im Herzen des jeweils anderen. 


©  RKS 2022

20.9.25

LAKU NOĆ

 (Freie Lyrik)


die ganze Nacht

die ganze Luft

erfüllt von gleichförmigem Gesang

Gedanke um Gedanke kommt

und verschwindet im Dunkel

vor dem Fenster dort 

in den duftenden Pinien 

zirpen die Zikaden pausenlos

Gedanke um Gedanke kommt

und verrinnt ins Nichts

hellwach den Gesang 

vernehmen und genießen

den Duft der Pinien

die Wärme der Nacht

den Glanz der Sterne

das leise Seufzen des Meeres

und in traumlosen Schlaf sinken 


©️ RKS 2025