20.9.25

WORTE

 (Freie Lyrik)


Aus dem Dunkel

ungesehen kommend, 

ins Dunkel wieder 

unbemerkt entschwindend,

im Dunkel verbleibend, 

wo immer sie auftreten mögen. 


Dennoch für sich

so erhellend, und

das feine Raster

jener Wirklichkeit zeigend, 

welche hinter den Dingen

sich zu verbergen sucht, 

um uns immer aufs Neue

zu überraschen, und

in Erstaunen zu versetzen. 


©️ RKS 2025 

SERATA IN MONTAGNA I

 (Vierzeiler, 2 Strophen, Kreuzreime, wechselnde Kadenz)


Es dämmert drunten in den Gründen. 

Der Tag wirft einen letzten Blick,

an dem die Berge sich entzünden,

und goldrot strahlt ihr Fels zurück. 


In tiefer, roter Feuersglut

am Himmel sich die Wolken färben. 

Und wie getränkt von heißem Blut

verblasst der Tag in stummem Sterben. 


©  RKS  2021

LOST

 

Als du 

das erste Mal

zu mir kamst,

war ich verloren. 


Meine Augen

ließen dich ein,

und seither lebe ich

unter dem verzehrenden Atem

der Sehnsucht. 


©️ RKS 2021 

NUR NOCH MUND

 (Sechszeiler, Paarreime)

Bin angefüllt mit vielen tausend Fragen. 

Bin nur ein Mund, und kann so wenig sagen.

Bin nur ein Mensch, der seufzend Sehnsucht sammelt. 

Bin nur ein Mund, der bittend vor Dir stammelt. 

Bin mangelhaft, nicht Körper, nur Gesicht. 

Bin nur noch Mund, der flehend zu dir spricht … 


©️ RKS 2021

SELBSTBILDNIS MIT VOKALEN

 (Freie Lyrik) 

das haar 

weiß aber nicht völlig

birkengleich 


die haut

altersrissig und zerschunden

borkengleich 


der geist

still hinausgleitend

barkengleich


in worterde

meertief verwurzelt

und dennoch

unvertäut


©️ RKS 2022 

19.9.25

LUČNA SVJETLA

 (Erinnerung an den Hafen von Pakoštane)


Lichtinseln verstreut 

im Nachtgedächtnis,

voller Dunkelgespräche …


Das Meer liegt matt

wie ein erblindeter Spiegel. 

Die Laternen der Promenade

schweben auf Glanzstelzen

im Hafenbecken. 


Und die Träume

verblühen im

Schatten des Seins 


© RKS 2022 

BLIZU PAKOŠTANA

 (Sommerliche Erinnerung)


Menschenleere Bucht. 

Kleiner Sandfleck zwischen Felsen,

von duftenden Pinien beschattet. 

Das Wasser ist sofort tief,

und die Sonne lässt

das Meer golden aufleuchten. 

Im grenzenlosen Lichtblau

des Himmels zieht ein Flugzeug 

lautlos seine Kondensspur. 

Vor der Insel weiter draußen

schmiegt sich ein weißes Segel

glänzend in die Szenerie. 

Alles scheint Ruhe zu atmen. 

Die Kraft des Wassers 

beströmt mir das Herz. 

Pure Seligkeit. 


©️ RKS 2025

PROLJEĆE

 (Erinnerung an Sabunike) 


Duft der Akazienblüte

Teichrohrsänger im besonnten Schilf

Spottdrossel lärmend um Mitternacht

am Abbruch zum Strande hin

wie buntes Geschmeide Bienenfresser

Sand schmeichelt um die Füße

zärtlich kost das glatte Meer 

Leib und Seele zugleich

nichts als innerer Frieden


© RKS 2024 

NA PUTU

 

Auf der Straße

die in die Bukovica führt

sind nur vereinzelt

Autos unterwegs aber 

in der Mittagsglut

sonnen sich Dutzende von 

Schlangen auf dem Asphalt 


Leben und Tod

ganz nah beieinander

völlig entspannt in der

Mittagsruhe


©️ RKS 2025 

SVE POLAKO

 (Erinnerung an Omišalj)


Häuser aus Naturstein

schweigen mich an

An einer Ecke steht

auf einem grünen Stuhl

von dem die Farbe

längst abblättert eine Schüssel

mit reifen Tomaten

für nur ein paar Kuna 



In der Mittagsglut ist 

niemand zu sehen selbst

Hunde und Katzen

haben sich verkrochen

Nicht nur die Häuser

der ganze Ort ruht 

Lautlose Ablehnung

von Bewegung


©️ RKS 2025

NACHTSZENE II

 (Freie Lyrik)


Gestrandet in dem,

was sich Leben nennt. 

Ein Blick lässt mich

nachdenken darüber, was

Sterne für uns wären, hätten

sie nicht das Licht von Äonen

mit uns geteilt. Und ob die Nacht

mehr verbirgt als im Dunkel liegt. 

Ich spüre dem Gefühl der Berührung

durch deine Hände nach, 

während mich ein wärmender Hauch

wie sanfter Atem umgibt, und ich

im Sternenlicht deine Augen 

wiedererkenne, deren blinkender

Tränenglanz ein seltsames Echo

hervorruft , dessen Klang meine 

Seele innen und außen gleichzeitig

schwingen lässt. 


©️ RKS 2025 

18.9.25

EIN NEUER TAG

 (Freie Lyrik) 


Greif dir einen Lichtstrahl

aus dem Gezweig der Buche

den frischen Grashalm 

zwischen den Lippen


denk mit einem Purzelbaum 

an die Schaukelabenteuer

der wunderbaren Kinderzeit

mit Kette und Brett immer höher

bis da nur noch Himmel ist 

das Kribbeln im Bauch 

bringt dich wieder zum Lachen 

und dein Blick schmilzt

ins Sonnenlicht


©️ RKS 2025 

17.9.25

NOTTURNO

 (Vierzeiler, vierstrophig, umarmende Reime)


Sieh nur, was vom Tage blieb,
wie er dämmrig rot verblutet,
Abendluft mit Kühle flutet! —
Gute Nacht, mein Lieb!

Sieh nur, wie der Himmel trieb
helle Sterne Dir zur Hilfe!
Schau, der Mond steht überm Schilfe! —
Gute Nacht, mein Lieb!

Hörst Du dort im Haine lind
Nachtigall so zärtlich schlagen?
Hörst Du meine Flöte klagen? —
Gute Nacht, mein Kind!

Engelsaugen wachsam sind
zärtlich über Deinen Träumen,
Wind spielt leise in den Bäumen ... —
Gute Nacht, mein Kind!

©️ RKS 2018 

16.9.25

SJEĆANJE

 (Erinnerung) 

Jener uralte Mann

in diesem kleinen Dorf 

in der Bukovica,

der am gedeckten Mittagstisch

seiner Frau ein Liebeslied

sang, auf ihr Wohl

einen Schluck Slivovic

trank, und Gott dankte. 


Möchte gern

wie jener das Leben

lieben und feiern. 


©️ RKS 2025