9.9.25

VERZOCKT

 (2 Sechszeiler, je mit Paarreim und umarmendem Reim)


Das Leben währt nur kurze Zeit, 

man jagt nach Tand, sucht weit und breit

nach lauter schalen Dingen. 

Die Zeit verweht, ist nur ein Hauch,

rasch von den Sternen fühlt man auch 

ein dunkles Ahnen dringen …


Und war das ganze Leben Spiel, 

ein Hasten ohne Sinn und Ziel,

hat nie man tief empfunden,

dann stockt das Herz, es schauert leis‘,

sieht jäh des ird‘schen Lebens Kreis

sich ohne Zögern runden. 


©️ RKS 2025

AN DIE GELIEBTE

 (3 Strophen, vierzeilig, Kreuzreime) 


Du bist in vielen tausend Bildern 

mir noch zur Gänze nicht erschienen.

Möchten Dich Millionen Szenen schildern, 

nie zeigte alles sich in ihnen. 


Kein Menschenauge fasst das ganze Wesen, 

denn nur ein liebend Herz kann alles seh’n.

Und warum Du das meine hast erlesen, 

werd' ich auch in Äonen nicht versteh’n ... 


Nur Staunen kann ich, nur Dich lieben, 

Dir schenken Ohr und Auge, Herz und Mund ...

Mein Alles, Leib und Seel', ist Dir verschrieben, 

seit ich Dich sah, — und bis zur letzten Stund'. 


© RKS 2015

BEGEHREN, KLASSISCH

 (2 Strophen, vierzeilig, Paarreime)


Martin ist scharf auf die Simone,
von der er glaubt, sie sei "nicht ohne".
Sie ist die Freundin seiner Schwester, 
und spielt im Symphonieorchester.

Seither hört er statt Rammstein Haydn,
Beethoven, Brahms, mit großem Leiden
auch Mahler, Webern, Mozart, Bach ..., 
— und hofft, er legt Simone flach.

© RKS 2014 

STUNDENSCHLAG

 (Vierzeilig, 3 Strophen, umarmende Reim und Kreuzreime)


Von den hohen Glockentürmen 

hört man - morgen, gestern, heute - 

mit dem dröhnenden Geläute 

ungestüm die Zeit fortstürmen. 


Gestern sagten mir zwei Schwestern:

„Heute ist schon morgen gestern!" 

Ich sprach: „Heut' ist zu jeder Zeit, — 

bedenkt's, und haltet euch bereit! 


Gestern war es noch Getreide, 

heute ist es unser Brot, 

morgen bringt mit seiner Schneide 

uns der Sensenmann den Tod.


RKS 2022

8.9.25

STURMTIEF

 

Ein Brausen

Brandung rollt

von Baum zu Baum

an den Waldrand und zurück 

In den Kronen 

das Rauschen des Ozeans

ein tiefgrünes Meer

aus wogenden Blättern

und nirgends

ein Hafen 


©️ RKS 2025 

ERHABEN

 (Vierzeilig, dreistrophig, Kreuzreime, wechselnde Kadenz)


Dunkel hat uns eingewoben, 

bald im Schlaf ruht alle Welt, 

nur die Sterne ziehen droben 

leuchtend an des Himmels Zelt. 


Und der strahlendste von allen 

schaut im Silberglitzerkleid 

aller Welt zu Wohlgefallen 

still in uns're Zeitlichkeit.


Herzen nun ganz innig beben, 

niemand sagt ein einz'ges Wort, 

und es ziehen Sinn und Streben 

hin in jene Fernen dort. 


© RKS 2021

LÄNGST ZERRONNEN

 (Fünfzeiler, abbab)

In meines Dunkels stiller Einsamkeit 

hab' ich so manchen Traum gesponnen, 

hab' tief in mir manch Lied ersonnen, 

hab' Wort um Wort Dir Tag für Tag geweiht, 

und doch ist alles langst zerronnen ...


© RKS 2021

LE PAIN QUOTIDIEN

 

Worte gewogen 

Ereignisse verknetet 

Hitzigen Gemüts verbacken 

Schwarzgeärgert 

Ungenießbar 


: entsorgt 

Alltag 


© RKS 2022

DER WEBSTUHL

 (Vierzeilig, Kreuzreime)


Irgendwo in fernen Höhen 

steht ein Webstuhl still bereit.

Niemand hat ihn je gesehen, 

gibt ihn schon seit ew'ger Zeit.


Jede Stund' wird dort gewoben 

mit den Fäden Freud' und Leid.

Ach, der Weber wirkt dort droben 

auch an meinem Totenkleid.


©️ RKS 2021 

7.9.25

KEINE LÖSUNG

 (in memoriam Robert Gernhardt) 


Der Zweifel macht mir sehr viel Druck

beim schweren Schreiben von Gedichten. 

Zwar hilft ein recht beherzter Schluck, —

doch kann er auch den Reim  …  zerstören!


© RKS 2022

WAS TUN ?

 (Sonettversuch)


Ist ein Gedicht, ein Werk, mir wohl geglückt

mit Bildern, die etwas erzählen,

in Worten, die das Ohr nicht quälen,

und wird dadurch des Lesers Herz entzückt, 


vielleicht der Geist gar himmelwärts entrückt,

als ob er lauschte himmlischen Chorälen,

deren Gesang der Seele Kraft kann stählen, 

und reich das Herz mit Blütenkränzen schmückt. 


Verkauf‘ ich es, dass einen Lohn es bringe?

Lechz‘ ich nach Ruhm, erstrebe einen Preis,

will gar am End’ der ganzen Welt gefallen? 


Ich möcht‘, dass tief ein Herze es durchdringe; 

schenk‘s dem Poeten, der nach Dichterweis‘ 

es mag versteh‘n am besten wohl von allen!


©️ RKS 2025 

EIN BEISPIEL

 (Sechszeiler, vierstrophig, Paarreime) 


Mit Freude füllet mir die Seele

das Lied aus heller Vogelkehle,

der Sonne strahlend goldnes Licht,

ein frisches Mädchenangesicht,

des Waldes Ruh‘, des Windes Hauch,

der Wiesen Bunt, und Baum und Strauch …


Ich schließe aus all diesem Weben,

dass mir viel Gutes ist gegeben,

und wohl auch Glut, die heiß und klar

mich ähnlich macht der Sterne Schar,

fühl‘ mich von tiefer Kraft durchzogen, 

dem Meere gleich und seinen Wogen. 


Mein Herze liebt, vertrauet schlicht,

in seine Nacht strahlt Morgenlicht,

es senkt tief in die Seel‘ mir ein

das Mitgefühl für alles Sein,

was Gottes Kraft zur Erde zieht,

und in mir weckt ein Dankeslied. 


Des holden Friedens süße Labe

folgt meinen Wegen bis zum Grabe,

zwar ist nicht alles eitel Freude

in dieses Daseins Weltgebäude,

doch wenn der Mut mir sinken will,

so blick‘ auf die Natur ich still. 


©️ RKS 2025 

6.9.25

WEHMÜTIG

 (Quatrain)


Die strahlend sonnigen Tage, 

vorbei, — sie waren einmal. 

Abendwolken (so lautet die Klage)

verschatten mein Lebenstal. 


©️ RKS 2025

UM MITTERNACHT

 

Scheint, dass ich der Einz'ge bin, 

der so spät noch wacht! 

Still vom Fenster schau' ich hin 

in die finstre Nacht. 


Alles schlummert, alles ruht, 

Mensch und Vieh und Wind, 

nur des Mondlichts fahle Flut 

bleich vom Himmel rinnt.


Alles Regen, Glück und Schmerz, 

gingen längst zur Ruh'.

Nur noch eins erfüllt mein Herz, 

nur noch eins, — nur du! 


Leuchtend über Zeit und Raum 

mich dein Bild durchzieht; 

was es in mir weckt im Traum, 

formt mein Herz zum Lied! 


©️ RKS 2019 

MEIN WÜNSCHEN ALL

 (Kreuzreime mit wechselnder Kadenz)


Könnt' dort im Wald der dunkle See 

mir doch nur Frieden schenken, 

so wollt' in ihm ich all mein Weh 

an tiefster Stell' versenken!


Ich würde wie ein dürrer Ast 

zufrieden auf ihm treiben, 

und könnte aller Sorg und Last 

für immer ledig bleiben. 


Bei finst'rer Nacht, bei Tages Licht, 

gäb's nichts, das ich begehrte, 

weil ja der See ganz still und schlicht 

mein Wünschen all verzehrte ...


©️ RKS 2020