6.8.25

BERGABEND

 (in Kreuzreimen, wechselnde Kadenz)


Der Blick schweift über abendstille Wiesen, 

bei Tag mit Perlen bunt besticktes Grün. 

Am Himmel stehen weiß gestärkte Riesen,

die rosig nun im Abendrot erglüh‘n. 


Die Berge haben plötzlich gold‘ne Stirnen,

weit oben auf den Höh‘n, Titanen gleich, 

und bald glänzt drüber silbrig von Gestirnen

des nächt‘gen Himmels endlos weites Reich. 


©️ RKS  2022

EIN BEISPIEL

 (Gleichnis)


Es stand die Rose entlaubt, ohne Duft 

verzagend in frostigem Hauch, 

als kam aus Süden wärmend die Luft,

und sonnig erweckt’ sie den Strauch.

Da trieb er Blätter, viel Knospen auch,

mit Kraft und voll innigen Strebens. —

So ist uns also der Rosenstrauch

Exempel des hoffenden Lebens. 


©️ RKS  2022

SCHWEIGEN

 

Ach, wie lobe ich das Schweigen

nach des Tages Lärmen mir!

Vor ihm muss sich alles neigen, —

Mensch und Pflanze und Getier. 


Müde ruh’ ich nun vom Reigen,

es ruht alles weit und breit. 

Ach, wie lob‘ ich mir das Schweigen

nach des Tages lauter Zeit! 


©️ RKS  2022 

SELTSAM

 

Es beruhigt mich,

dass du all meine Briefe

über die Jahre aufbewahrt hast. 


Was mich beunruhigt,

ist die seltsame Tatsache,

dass ich die nie schrieb. 


©️ RKS  2025

AUF DEM WEG ZUM GUERRILLERO

 

Erst wurde das Dürfen entfernt,

bald darauf hat man das Können gestrichen,

vielleicht wird auch das Wollen noch strafbar,

dann verleg‘ ich mich aufs Drüber-reden,

bis sie mich wegsperren, und nur noch

das Dran-denken bleibt;

das mach‘ ich dann heimlich. 


© RKS 2025 

ÜBER GLÜCK

 (Epigrammatisches)


Wenn das Unglück

bei dir nicht 

zur Untermiete wohnt, 

sondern dich nur

dann und wann besucht, 

so bist du doch schon

glücklich zu nennen. 


© RKS 2025 

MEIN GESICHT

 

eine Dünenlandschaft 

mit bröckelnden Erhebungen 

und überwehten Einschnitten

die der Wind der Ereignisse 

und die Gezeiten des Lebens

am Ufer meines Leibes

über die Jahre formten


© RKS 2025 

ES GEHT LOS

 (am Morgen)


ein noch schläfriges Weiß

drängt in das Dunkel

der weichenden Nacht

die fahlen Wände noch 

dösender Häuser und

der staubige Gehweg

hüllen sich in Schweigen

die schwer arbeitende Zunge

wühlt in widerborstiger Sprache

der rot mahlende Mund müht

sich ab mit all diesen

Wörtern die sich 

nach Kräften wehren

es geht los


© RKS 2025 

ENDE

 erkenntnis


noch klingt das wort

mir hart im kopf 

ich fühl‘ den tort

ich armer tropf

und ringe meine hände


ich wünsch zurück

was einstmals war

mein trautes glück —

dann wird mir klar:

es ist schon längst zu ende


© RKS 2025 

IN DER FERNE

 

Monotonie

abgeernteter Felder

ab und an

Taubengurren

wie verschlüsselte Worte

bleibt alles im Ungefähren

die Welt verhüllt sich

stumm lächelnd

überhört unser Bitten

siehst du dort 

in der Ferne

die Wege sich kreuzen

frage mich wo

werden wir uns

morgen begegnen


© RKS 2025 

5.8.25

DAS SCHÖNE

 

Du fragst mich, was das Schöne sei?

Will sehen, ob ich‘s finde: 

Das traute Tönen der Schalmei,

der Lindenbaum im Winde,


dein lockend roter, süßer Mund,

das Meer und seine Wellen,

das milde Licht zur blauen Stund‘,

die Au mit ihren Quellen,


das helle Gold der Weizenfelder,

das satte Grün der Fichtenwälder,

der Herbst mit seinem bunten Laube,

das Rot des edlen Safts der Traube …


Doch wünsch‘ ich, dass mir eins nie fehle:

die holde Schönheit deiner Seele! 


©️ RKS 2022 

DAS EINSAME WÖLKCHEN

 (Kreuzreime abab cdcd, wechselnde Kadenz)

Die Sonne mählich westwärts zog, 

das Licht begann zu schwinden. 

Ein Wölkchen einsam mit ihr flog, 

still segelnd auf den Winden. 


Es ward mit güldenem Gewand

von letztem Licht begossen,

und als die Sonne lautlos schwand,

ist es ins Nichts zerflossen. 


©️ RKS 2022 

BLICK AUFS MEER

 (Kreuzreime mit durchgehend stumpfer Kadenz) 


Still liegt der Strand,

so menschenleer. 

Schau unverwandt

hinaus aufs Meer. 


Seh‘ an dem Glanz

mich niemals satt,

mal Wellentanz,

mal spiegelglatt …


Still wird mein Geist, 

kein Hasten mehr, 

und silbern gleißt

das weite Meer …


©️ RKS 2022

ABEND IM GEBIRGE II

 (verschlungener Reim abc abc)

Es dunkelt im Tal,

hinter Bergen gehet

die Sonne zur Ruh‘. 


Im schwindenden Strahl

all‘ mein Träumen wehet

dem Sternenzelt zu …


©️ RKS 2022 

ULTIMA PETITIO

(Achtzeiler in Kreuzreimen ababcdcd mit wechselnder Kadenz)


Wenn ich im Todesschattental
einmal den schweren Weg muss gehen,
dann mög‘ ein allerletztes Mal
dein holdes Bildnis vor mir stehen,
dass ich dies Glück für Ewigkeiten
ganz tief in meiner Seele trag‘, —
dann will ich froh ins Dunkel schreiten
nach meines Herzens letztem Schlag. 

© RKS 2020

NÄCHTLICHES HOFFEN

 (Vierzeiler, 3 Strophen, Kreuzreime, wechselnde Kadenz)

Letztes Wolkengold verglühet,

langsam sinkt herab die Nacht. 

Mit der Sonne nachtwärts ziehet

allen Lebens eitle Pracht. 


Nachtgewölk und tiefe Schatten

sind bald brüderlich vereint,

legen sich zur Seel‘, der matten,

die sich müde hat geweint. 


Hoffend auf den jungen Morgen, 

der verdrängt die finstre Nacht, 

birgt sie alle ihre Sorgen

still in Gottes Hand und Macht. 


©️ RKS 2022 

NACHT WIRD‘S

 (in umarmenden Reimen)

Leise hemmt ein zarter Wind

nun der Vögel letzten Flug,

wie ein reiner Atemzug,

welchen haucht ein müdes Kind. 


Sanft der Tag dem Dunkel weicht,

und es zieh’n dort in der Ferne

vor den Glanz der ersten Sterne

Nebelschleier, dünn und leicht. 


Seufzen aus dem Riede bricht,

Blätter sich im Winde regen,

silbern glänzet auf den Wegen

still des bleichen Mondes Licht. 


©️ RKS 2022 

VERWANDLUNG

 

Die Klage ist verstummt;

sie wich jenem Unsagbaren, 

das aus dem Schmerz

eine dunkle und lang nachhallende

Stille destilliert. 


©️ RKS 2021