2.1.26

INVIDIA

 

Kometengleich jagt 

Schubert allerlei Virtuoses

aus seinem Klavier hervorzaubernd

über den verschneiten Wienerwald


Im Rausch der Worte berührt

Shakespeare die Sichel des Mondes 

jenseits des Avon spazierend 

nur mit den Fingerspitzen 


In relativer Enge sitzt

Einstein zwischen den Theorien

geschwindes Licht beobachtend 

das durch den Kosmos gleißt


Ein Luftschiff treibt

— das Äffchen als Pilot —

wie schwerelos durch

den lichtblauen Äther


Die Götter darob

neidzerfressen 


©️ RKS 2026 


TIEF IM INNERSTEN

 

Schweigend und reglos

steht wie stark überzuckert

die Tanne in der Nacht

über ihr namenlos

ein Stern im dunklen Weit 


Weiß umklammert

Schnee ihre Zweige

in kühler Zärtlichkeit


Doch tief im Innersten

lodert glutrot ein Traum

wortlosen Feuers


©️ RKS 2026 


EIN ABSCHIED

 

In aller Stille wortlos 

weil nichts mehr zu sagen blieb 

erkalteten seine Hände

vom Eis des Todes. 


Leise wehte ein Ahnen

vom geliebten ‚Moment musical‘

dem Andantino As-Dur von Schubert 

schwebend durch den Raum. 


In dicken Flocken fiel 

Schnee sanft herab zur Erde

ließ die Welt weiß werden 

erblassen und die unheimliche

Stille der Unendlichkeit

sank für immer 

auf ihn hernieder. 


Letzter Klang begann

auch in ihr zu verebben. 


©️ RKS 2026 



FERNÖSTLICHER TRAUM

 

Schwebend leicht

von zarten Tönen 

des Đàn T’rưng begleitet

träumt die Lotosblüte 

im Tiefblau der Nacht

von einer Reise

auf dem Mekong

mondlichtbekränzt


©️ RKS 2026 


TREIBEN DURCH DIE NACHT

 

Leise treib‘ ich
— mein Boot ist die Nacht —
traumwärts an fremde Gestade. 


Der Wind weht die Dünen,
die Berge von Sand,
mir heulend auf all meine Pfade. 


Dann prasselt der Regen
aus wolkigem Grau,
lässt alles Hoffen verschwimmen. 


Aus Erde und Wasser,
aus Feuer und Luft,
hör‘ plötzlich ich wispernde Stimmen ... 


Wie sehnt sich mein Geist,
der bange und müde,
nun heim nach dem sicheren Hafen! 


Bald graut schon der Tag,
der Morgen erwacht, —
und ich habe noch nicht geschlafen ... 


©️ RKS 2021 


LOKALPATRIOT?

 
Ein bayrischer Igel
blickt lächelnd zum Rigel. 
Er hat ihn halt gern, 
den weiß-blauen Stern. 

©️ RKS 2015 

APHORISTISCHES

 
Sicher ist jeder Mensch
einzigartig, ein Individuum,
aber nur wenige sind Originale,
und die allerwenigsten originell. 

©️ RKS 2026 

LIEBLINGSHAUSTIER

 

Tief in mir west zu jeder Stund‘

ein faules Vieh, recht fett und rund.

Es macht mich träge und bequem,

doch find‘ ich es ganz angenehm. 

Man warnt, dass es mich irgendwann


um Glück und Leben bringen kann. 

Um die Beziehung zu erschüttern,

soll ich kein weit‘res Jahr ihn füttern,

denn er sei rundum ungesund, —

doch lieb’ ich meinen ‚Schweinehund‘. 


©️ RKS 2026 


Überarbeitung einer Idee von 2015 

30.12.25

BERECHTIGTE ZWEIFEL

 
Immer,
wenn man mir begeistert zustimmt,
frage ich mich,
ob ich nicht vielleicht doch irre. 

©️ RKS 2014 

GRENZZIEHUNG

 

Zerbrechlich

dennoch robust 

manchmal wehrhaft 

oft unscheinbar 

meist undurchdringlich 

baut sich aus Worten

zart ein Zaun zwischen

Menschen und mir

trennt Ich und Welt


©️ RKS 2025 


IRGENDWIE SELTSAM

 
Bin nicht Baum noch 
Stein habe Arme auch
Beine und undurchschaubare
Augen 

Wolken
spiegeln sich darin 
als wäre ich ein Tümpel
irgendwo in den
Wäldern 

©️ RKS 2025 

HALT IM UNGEWISSEN

 ich weiß nicht


ob du mich

heute beim Besuch

erkannt hast


drum hielt ich

sanft deine Hand

streichelte sie zärtlich


und in deinem Lächeln

erkannte ich mich

für dich


dabei erinnerte ich

gleich ein ganzes

Leben mit


©️ RKS 2025 


HILFESTELLUNG

 

Großmutter strickte immer 

Socken aus bunter Wolle 

für mich. Sie meinte,

damit käme ich viel

leichter durchs Leben. 

Es war auch so. 

Nicht wegen der Socken,

sondern aufgrund der Liebe,

mit der sie gestrickt wurden. 


©️ RKS 2025 


ZEIT DER REUE

 

Es ward mein Herze mir so weit,
da ich hier zu des Dämmers Stunde
alleine war in weiter Runde, —
geheimnisvolle Einsamkeit!


Es trieb hinaus mich auf die Gassen,
als Glocken riefen zum Gebet ...
Ich fragte mich, wie Dir‘s wohl geht,
seit ich dich damals hatt’ verlassen …


Da wurd‘ mir’s gleich ganz schauerlich, 
ich presst‘ mein Haupt in beide Hände,
eilt’ heim, wo bargen mich die Wände, —
und weinte lang und bitterlich. 


© RKS 2025


Überarbeitung des Gedichts aus dem Jahre 2020 


VOM ENDEN

 

Bald kommt die Nacht.
Wie man‘s dreht oder wendet,
der Tag einfach endet,
— die Sonne entflieht. 


Rasch kommt das Leid.
Wie man‘s dreht oder wendet,
das Glück einfach endet,
— die Liebe entflieht. 


Schnell kommt der Tod.
Wie man‘s dreht oder wendet,
die Zeit einfach endet,
— das Leben entflieht. 


© RKS 2020 


28.12.25

DIE VORSTELLUNG,



den Launen der Natur 

und ihrer Elemente

ausgeliefert zu sein,

macht mir weniger Angst als jene, 

den Launen der Natur

von Menschen in die

Hände zu fallen.


©️ RKS 2025 


ANBETUNG

 

Es ward geboren lang vor unsern Zeiten 

ein Kind, verachtet, obdachlos und arm,

doch als der Sohn aus Gottes Herrlichkeiten

macht es uns reich und unsre Herzen warm. 


Aus mancher Not und aus so manchen Schmerzen

gehen gesenkten Haupts wir zu der Krippe hin. 

Das Kind aus Gott bringt unsern wunden Herzen 

Frieden und unserm Leben einen neuen Sinn. 


©️ RKS 2025