12.11.25

FLÜCHTIGE BEGEGNUNG II

Nur ein 

bunter Tupfen

schnell verwischend

im Dämmer der Zeit

verschwand sie


nur ein leichter Duft

blieb wie zögernd zurück

nach Deodorant ihrem Körper

Croissants und Kaffee


für eine Nanosekunde

hatte sie mir 

mit raschem Blick 

ein kurzes Lächeln

hinterlassen


dann ging sie

und ich blieb allein 

im Lärm der Leute 


©️ RKS 2022



WEIMARER NÄCHTE

 

Der Dichter sprach: Dies ist ein Gleichnis!
An sich ist Käse kein Ereignis,
doch wer nie sein Brot mit Käse aß
nach einer dieser Hungernächte,
in denen man vor‘m Kühlschrank saß,
— ein Schelm, der Böses dabei dächte! —
und griff nach Gürkchen schon am Morgen, 
— na, der hat vermutlich andre Sorgen! 

©️ RKS 2019 



11.11.25

INSELFRÜHLING

 

Über den maisonnigen Weg 
fliegt der schwere Duft
des Weißdorns zu mir her.

Ein Wind von See
vertreibt ihn bald.

In meinen Gedanken
blitzt Ungreifbares auf,
und verschwindet wortlos 
im Lärm der Straße, die 
hinunter zur Reede führt. 

©️ RKS 2025 


DER RASTLOSE II

 
Seit Jahr und Tag ich schreite 
dahin durch Hain und Flur, 
zieh‘ immer fort ins Weite 
auf meiner Unrast Spur.

Mein Herz kann nicht gesunden
in häuslich stiller Ruh‘;
es treibt mich schon nach Stunden
erneut der Fremde zu … 

©️ RKS 2024 


HERBSTBLUES

  
 

Kein Laub fällt mehr. Es fällt kein einzig Wort,

als wär‘ verloren alles Echte, Schöne, Wahre.

Und Tag und Licht, sie schreiten schweigend fort,

ganz still verschwimmt der Rest von diesem Jahre.


Die Bäume steh‘n so kahl und triste aufgereiht,

der Regen klopft mir kalt und seltsam auf die Wangen.

Hab‘ nicht herbeigesehnt die öde, graue Zeit,

nein, hab‘ sie ungefragt und ungewollt empfangen.


©️ RKS 2025 



APHORISTISCHES II

 

Manchem Denken ist das Schweigen
deutlich kleidsamer als jedes Wort.


Oft sagt man mehr, wenn man seine 
Worte beredt in Schweigen fasst.


In einer Unzahl von Worten lässt sich
jede noch so dürre Aussage sicher verbergen.


©️ RKS 2025 

OHNE WORTE

(Quartain)


Bist du gefangen im Bann

der endlosen Fragen,

so nimm mein Schweigen an, 

— dir Antwort zu sagen!


©️ RKS 2025 



10.11.25

TACEO

 (Sestain, verschränkter Reim)


Ich spür‘, wie aus der Seele Grund 

ein Wort, das nie noch ausgesprochen,

sich auf die Zunge schleichen will. 

Da küsset mich dein roter Mund,

ich fühl‘ des Herzens wildes Pochen 

— und schweige still. 


©️ RKS 2022  




HOC MODO TANTUM

 (Kreuzreime, wechselnde Kadenz)


Stets habe ich geschrieben,

was in der Brust sich regt,

welch innig tiefes Lieben

mein Herze für dich hegt. 


Ach, so kann ich dies‘ Wühlen

tief in der Seele mein,

dies wundersame Fühlen,

dir künden nur allein. 


©️ RKS 2025


Eine Idee von 2022, jetzt überarbeitet. 


SYRINGA

 (Haiku) 

Blühender Flieder

Duftende Parkschönheit in 

zweierlei Farben


©️ RKS 2025 



9.11.25

WÖRTLICH

 bei licht besehen


ist doch auch wieder 

nur eine dieser elenden

floskeln die einfach

bar jeden sinnes 

durch die köpfe segelt


ohne licht besieht

man nämlich gar nichts

nicht einmal zu lesen

wäre dieser unfug


außer vielleicht in braille 

aber das wäre ja dann

bei licht besehen

im dunkeln ertastet 


©️ RKS 2023 



STADTSZENE

 

Pflasterer verlegen

glänzende Katzenköpfe,

ein Bediensteter gießt

Pflanzen in Betonkästen,

in der Nähe spielt

eine junge Frau Geige, und

lässt sie seufzen und singen. 

Am Rand des Weges

malt ein Unbekannter

die Farben des

heutigen Himmels. 


©️ RKS 2023 



TRAUMRITT

 

Reich bestückt ist die

Kammer der Träume,

und klug die List, 

mittels ihrer den Realitäten

der tristen Tage

einfach zu entgehen. 


Ich barg mein Herz

im glänzenden Leib

eines jungen Tarpans,

und galoppierte in ihm

durch die Zeit. 


So träumte mir. 

Und der Tag verrann. 


©️ RKS 2023


VERTREIBUNG UNMÖGLICH

 

Innen wie außen

habe ich stets

Orte & Zeiten


Nimmt man mir

den äußeren Ort

trage ich schwer 

an der vereinsamten Zeit 


Die inneren Orte

aber gleiten mit

ihrer würdevollen Stille

durch die äußere Zeit


Diese Weite spüren

jenseits von Ort & Zeit

Offenbarung

mit blinden Augen

mit stummem Munde

Vertreibung unmöglich


© RKS 2024 



TRIO IN PASTELL

 

in leiser agonie

möchten blätter sinken

doch der herbstwind

brüllt sie an


prasselnd fällt der

regen auf dächer 

und möchte viel

lieber leise zirpen 


in kahlen bäumen

wüst schreiende krähen 

die ängstliche schafe

in ställen schrecken 


hohl der ton

vom alten kirchturm

alles zu spät

noch lebe ich


© RKS 2023