10.3.26

KEINER SIEHT UNS

 

Verborgen ist das Denken 

wie Blätter in den Knospen 

Verborgen sind auch wir 

unter demonstrativem Gefühl 

Keiner sieht uns


Die Bleibe unsres Innersten 

eine Burg aus Verborgenheit 

Der sicherste Schutz sind

die offensiven Umarmungen 

Keiner sieht uns


© RKS 2023 


SANTA MARÍA DE LA VALLDIGNA

 

sonne flirrt über mauerresten

feige und palme ächzen 


staub überdeckt 

längst verklungene choräle


treppe führt ins nichts

aber das behauptete sich


gedanken durcheilen

raum der jahrhunderte


kein erinnern nur

gewagtes retourdenken 


ans nichterlebte 


© RKS 2024 


8.3.26

SINE VERBO

 

Alle Aussagen, die uns

der Mutismus vorenthielt, 

waren von solcher Kraft,

dass uns ihr Schweigen

alle Worte raubte. 


© RKS 2024  


SUPPORT

 

wir stehen und

hinter uns schwarz 

die wand zur zukunft 

die vergangenheit drängt 

noch leise läuten aber 

die glocken der vernunft 

zwischen den zeilen 

in der hoffnung uns

schlicht den rücken 

zu stärken


© RKS 2024 


FOLGEERSCHEINUNG

 (im Maß eines Senryu)


Kurz nachdem du gingst

verfiel auch der Garten in

eisernes Schweigen 


©️ RKS 2024 


LE CLOÎTRE

 

In grellem Gold 

legt sich Mittagssonne 

heiß auf grünes Gras, 

doch hinter den Steinsäulen 

ruhen andächtig schweigend 

Kühle und Schatten. 


Nur das Murmeln 

des kleinen Brunnens 

drängt sich leise plätschernd

in die gelehrsame Stille. 


Die stummen Gemäuer von

Refektorium und Stiftskirche

bannen den Lärm der Stadt. 


Hier pflegen sogar 

die Rosenstöcke würdevoll 

Kontemplation. 


© RKS 2026


eigentlich aus 2024, jetzt überarbeitet 



TAG UM TAG

 
Tag um Tag 
werden die Stunden
weniger um noch miteinander
zu reden während 
die Zeit verrinnt 
in welcher wir uns 
Briefe schreiben könnten
mit Worten die schon
so lange tief in uns 
schlummern und
wie wir schweigend
der Erlösung harren 
Tag um Tag 

©️ RKS 2024 

3.3.26

SEHR SELTSAM

 

Schau dir 

den kaputten Typen

da drüben an!

Der kann einem 

direkt leidtun. 

Was er wohl denkt?


Wieso „sehr seltsam“ — 

und was meinst du mit 

„das ist ein Spiegel“? 


©️ RKS 2026 


EINES MORGENS IM MÄRZ

 
Noch liegt die Welt 
friedlich eingerollt da. 
Im frühen Licht
lehne ich sinnend
am Stamm eines alten
Wortes und betaste
die brüchige Borke. 

Hier ist es jetzt noch still,
nur aus den Zweigen
rieselt ein sanftes Wispern. 
Ein paar Silben haben 
sich im Geäst verfangen,
und baumeln hilflos 
weit über mir. 

Die Frühlingssonne 
geht einfach wortlos 
darüber hinweg. 
Mein Lächeln sucht
nun vorsichtshalber 
den Schatten auf. 

©️ RKS 2026 


27.2.26

EMOTIONS

 

die stille zittert ein gerücht  

aufgelöst in triftigeren versionen

weint das leiden erneut im park

und dämmerstunden fließen

den entflammten mond entlang 

den glanz der vergänglichkeit

eisern zum schweigen bringen

dem subversiven werk des nichts

final geltung verschaffen 


© RKS 2026 


aus 2023, jetzt nochmals bearbeitet

QUADRATUR

 

als wir innehielten

sank die Nacht herab

auf unsere Augen

Lider und Brauen

unter dem stillen

Murmeln des Mondes

zitterten die Blätter

wissend dass es Zeit ist

für warme Kleidung

während wir am Ufer zusahen

wie der Regen das Wasser

des Flusses durchlöcherte

als wir die immer gleichen Worte

in immer anderer Weise

aneinander vorbei redeten 

ohne innezuhalten

sank die Nacht herab


© RKS 2023


26.2.26

ET FACTA EST LUX

 

Dein Blick ist 

für mich dieses Licht,

das selbst noch die hinterste, 

finsterste Ecke des Labyrinths

tief in den Katakomben

meiner Seele plötzlich

taghell erleuchtet. 


©️ RKS 2026 


ICH LIEBE ES

Ich liebe es 

hier mit dir 

im Wald zu gehen und

dir zu sagen 

wie sehr 


ich es liebe

hier mit dir 

im Wald zu gehen und

zu schweigen


©️ RKS 2026 


24.2.26

BEYOND

 

Wo hinter uns

letzte Lichter nur 

noch sanft glimmmen,

werden wir über

das Endes des Weges,

und den Rand des Meeres

hinausgehen. 


Wo hinter dem

Horizont der Zeit

wir ein Ewiges

erwarten, ist uns 

das Universum nur

ein schmaler Spalt. 


Wir erhoffen uns

eine Zunge voll Rühmens,

einen Mund voll Lachens,

und ein gnädiges Vergessen

allen Unbills. 


Wohl selbst jene,

die sich einreden,

dann sei einfach alles

zu Ende. 


©️ RKS 2022 


22.2.26

DER TRAUERNDE

 

Die Wasser tosen wild und schäumen

rings um den alten Felsen her …

Ein Mensch sitzt dort, mag nimmer träumen, —

er hat ja nun kein Liebchen mehr. 


Zu ihrem Grabe trug er Rosen,

jetzt rinnt sein Aug’ von Tränen leer,

und Wasser schäumen wild und tosen

rings um den alten Felsen her. 


©️ RKS 2022