28.3.26

VERANDERING *

 (Wechsel)


Wolken sperren die Sonne aus, 

der leichte Wind lässt mich

nach der Regendusche frösteln. 

Das warme Gefühl in mir wächst. 


Und wenn der Heimatstern sich

durch das Gewölk gefressen hat,

wird auch die Hitze zurückkommen. 

Ich werde dann beide wieder 

herzlich willkommen heißen. 


©️ RKS 2026     


* Afrikaans für ‚Wechsel, Veränderung‘


ONWEER *

 (Gewitter am Waterberg) 


Vor dem Fenster 

bildet das Wasser

des heftigen Gewitterschauers

eine regelmäßige Reihe

von Perlenschnüren. 

Der Wind zaubert mit dem Regen

ein Stakkato von Trommelwirbeln 

auf das blecherne Hüttendach. 

Vom nahen Plateau fällt krachend

Donnergrollen zu uns herab. 

Und dennoch nehmen 

in mir Ruhe und Frieden 

mit jedem Augenblick zu. 


©️ RKS 2026   


*  Afrikaans für ‚Gewitter, Unwetter‘


ENGESOHDE

 

unter alten bäumen

: ein steinernes heer 


namen und zahlen

: in formation erstarrt


über menschlichen resten

: geordnete felsstücke 


unbeteiligt schweigend aber 

: vogelgezwitscher


©️ RKS 2026 

17.3.26

LESEFEHLER

 

Immer, wenn ich versuche, 
in Deinem Gesicht zu lesen, 
tritt meine Legasthenie zutage.

©️ RKS 2026 

KONFLIKT IV

 

Nachdem Samson auf ihre Veranlassung die Haare geschnitten wurden, konnte er Delila einfach nicht mehr sehen. 

©️ RKS 2026 


TWIST

 

Als Orpheus sich kurz umdrehte,
verschwand Eurydike blitzschnell auf 
Nimmerwiedersehen. 

©️ RKS 2026 

PERDU

 

Als Brutus auch einen Stich machte,
war für Julius Caesar das Spiel zu Ende. 

©️ RKS 2026 

WIDERWILLEN

 

Seit dem Tag, an dem ihm Eva begegnete,
mochte Adam keine Rippchen mehr. 

©️ RKS 2026 

12.3.26

UFERSAUMSELIG

 
am omaha beach 
ans ufer gespült 

grüßt die pilgermuschel 
gefallene und wallfahrer 

mit einem stummen 
benedictus qui venit 
in nomine domini

©️ RKS 2024 
 

NUAGES NOCTURNES

 

Es zeigt sich mir hoch am nächtlichen Himmel 

ein sanftes Drängen, ein Schieben und Dehnen,

als wären die Lüfte erfüllet von Sehnen,

in ziehender Wolken dichtem Gewimmel. 


Es gleitet stumm und ganz ohne Hast

voll Majestät und Anmut ihr Flug

dahin in stetem, lautlosen Zug,

als wär‘ von Magneten er heimlich erfasst. 


Und plötzlich spür‘ ich im mondfahlen Glanz

ein Drängen, ein Glühen und Brennen im Herzen, 

als ob es gequält wär‘ von seltsamen Schmerzen,

als drehte die Seele selbst wild sich im Tanz. 


Das innere Stürmen wird sanfter und milder,

ist ebenso rasch, wie es hatte begonnen, 

den Sinnen entglitten, vergangen, zerronnen.

Ins Dunkel sinken die wogenden Bilder,


bevor noch den Sinnen gelingt ein Verstehen,

ein rasches, wenn auch nur ein flücht‘ges Begreifen. 

Ich ahne das Fühlen ins Dunkel entschweifen,

der Zauber, die Bilder entflieh‘n und vergehen. 


Verblasste Gefühle im Herzen nun gleiten

wie am Himmel die Wolken lautlos ins Leere. 

Wie jene enthoben der irdischen Schwere, 

zieh’n stille sie fort in die blauenden Weiten. 


©️ RKS 2026  

10.3.26

KEINER SIEHT UNS

 

Verborgen ist das Denken 

wie Blätter in den Knospen 

Verborgen sind auch wir 

unter demonstrativem Gefühl 

Keiner sieht uns


Die Bleibe unsres Innersten 

eine Burg aus Verborgenheit 

Der sicherste Schutz sind

die offensiven Umarmungen 

Keiner sieht uns


© RKS 2023 


SANTA MARÍA DE LA VALLDIGNA

 

sonne flirrt über mauerresten

feige und palme ächzen 


staub überdeckt 

längst verklungene choräle


treppe führt ins nichts

aber das behauptete sich


gedanken durcheilen

raum der jahrhunderte


kein erinnern nur

gewagtes retourdenken 


ans nichterlebte 


© RKS 2024 


8.3.26

SINE VERBO

 

Alle Aussagen, die uns

der Mutismus vorenthielt, 

waren von solcher Kraft,

dass uns ihr Schweigen

alle Worte raubte. 


© RKS 2024  


SUPPORT

 

wir stehen und

hinter uns schwarz 

die wand zur zukunft 

die vergangenheit drängt 

noch leise läuten aber 

die glocken der vernunft 

zwischen den zeilen 

in der hoffnung uns

schlicht den rücken 

zu stärken


© RKS 2024 


FOLGEERSCHEINUNG

 (im Maß eines Senryu)


Kurz nachdem du gingst

verfiel auch der Garten in

eisernes Schweigen 


©️ RKS 2024 


LE CLOÎTRE

 

In grellem Gold 

legt sich Mittagssonne 

heiß auf grünes Gras, 

doch hinter den Steinsäulen 

ruhen andächtig schweigend 

Kühle und Schatten. 


Nur das Murmeln 

des kleinen Brunnens 

drängt sich leise plätschernd

in die gelehrsame Stille. 


Die stummen Gemäuer von

Refektorium und Stiftskirche

bannen den Lärm der Stadt. 


Hier pflegen sogar 

die Rosenstöcke würdevoll 

Kontemplation. 


© RKS 2026


eigentlich aus 2024, jetzt überarbeitet 



TAG UM TAG

 
Tag um Tag 
werden die Stunden
weniger um noch miteinander
zu reden während 
die Zeit verrinnt 
in welcher wir uns 
Briefe schreiben könnten
mit Worten die schon
so lange tief in uns 
schlummern und
wie wir schweigend
der Erlösung harren 
Tag um Tag 

©️ RKS 2024 

3.3.26

SEHR SELTSAM

 

Schau dir 

den kaputten Typen

da drüben an!

Der kann einem 

direkt leidtun. 

Was er wohl denkt?


Wieso „sehr seltsam“ — 

und was meinst du mit 

„das ist ein Spiegel“? 


©️ RKS 2026 


EINES MORGENS IM MÄRZ

 
Noch liegt die Welt 
friedlich eingerollt da. 
Im frühen Licht
lehne ich sinnend
am Stamm eines alten
Wortes und betaste
die brüchige Borke. 

Hier ist es jetzt noch still,
nur aus den Zweigen
rieselt ein sanftes Wispern. 
Ein paar Silben haben 
sich im Geäst verfangen,
und baumeln hilflos 
weit über mir. 

Die Frühlingssonne 
geht einfach wortlos 
darüber hinweg. 
Mein Lächeln sucht
nun vorsichtshalber 
den Schatten auf. 

©️ RKS 2026