30.7.25

FRAU SZEGHALMY

 Jolante Szeghalmy (1895 - 1975)



Die Sprache 

mochte manchmal wie 

ein Widersacher erscheinen. 

War sie doch seinerzeit, 

dem Manne folgend ins fremde Land,

in dieser harten Zunge gelandet. 

Doch ihre Güte ließ 

diese gleichwohl sanfter werden. 

Ihr Akzent verwandelte

das Harte in gesprochene Seide. 

Und lächelnd gelehnt 

auf die lieblose Brüstung

aus kaltem Beton, 

begleitete sie ermunternd,

voll zugewandter Sanftmut

unsere kindlichen Spiele. 

Ein Fels voller Liebe

in der harten Brandung

des Wirtschaftswunders. 

Erst als älterer Herr

erfuhr ich, dass ihr Vorname

Jolante gewesen war, —

Veilchenblüte, wie passend. 


© RKS 2025 



Jolante Szeghalmy (1895 - 1975) zog,  ebenso wie meine Eltern mit mir, 1964 in einen neugebauten Wohnblock am Stadtrand meines niederbayerischen Geburtsortes. Sie war eine außergewöhnliche Frau, die ihr Vornehmsein in Einfachheit, Güte und Freundlichkeit kleidete. Sie war die Witwe des aus Miskolc stammenden, ungarischen Architekten Bálint Szeghalmy, der nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland emigriert war. Er verstarb in meiner Heimatstadt im Jahre 1963. Uns (zahlreichen) Kindern war Frau Szeghalmy gütig, liebevoll und zärtlich zugewandt, teilte unsere Spiele, begleitete uns in die nahen Wälder, und war beinah so eine Art „gute Fee“ mit bezauberndem Akzent. Ich habe sie nie vergessen. 


THE REST IS SILENCE

 Der Rest ist Schweigen.  W. Shakespeare


Vergeh‘n wird das Singen, der Reigen,

und alles, was diese Hand schreibt,

vergeh‘n samt Trompeten und Geigen,

den Gebeten, die götterwärts steigen …

Und Schweigen ist alles, was bleibt. 


© RKS 2025 

29.7.25

SO UNVORSTELLBAR

 so unvorstellbar 

verdunkelt

vertieft

grenzenlos

— der Schlaf 

das Nichtsein leuchtet

das Traumsein lockt

ins Verlorene

Ungreifbare

jenseits der Zeit

außerhalb des Raums

Flug ins Irgendwo


© RKS 2025 

STILLESEIN

 (im Volkston)


Der Morgenglanz bestrahlet

die blumenschwere Au,

und auf die Gräser malet

des Lenzes Griffel Tau. 


Voll Sehnsucht wir durchschreiten

die blütenvolle Pracht,

wo linde Düfte breiten

sich um uns süß und sacht. 


Des Himmels Blau umhüllet

das Herz uns mild und rein, —

und seine Weite füllet

uns an mit Stillesein. 


©️ RKS 2021 

28.7.25

TARNUNG

(Quatrain)


Willst stürmen ein bei allen meinen Pforten,

Du fragst und fragst, bedrängst mich immer mehr,

bis ich mich dann auf meine Weise wehr‘, —

und mich verstecke unter abertausend Worten. 


©️ RKS 2020

ENTSCHLUSS

 (Triolett)


Dürft’ ich ewig bei dir bleiben,

ließ‘ ich fahren alle Welt!

Nichts könnt’ dieses Glück beschreiben,

dürft’ ich ewig bei dir bleiben!

Ich will tief ins Herz mir schreiben,

fest es halten unverstellt:

Dürft’ ich ewig bei dir bleiben,

ließ‘ ich fahren alle Welt! 


©️ RKS 2025 

RETROSPEKTIVE

 

Gerne denke ich zurück

an die Berge, die besonnten,

an des Mondes bleiches Licht,

an die Wolken, die da gingen,

wie wir liebend uns umfingen,

an dein holdes Angesicht,

wie wir es kaum fassen konnten,

unser kurzes, tiefes Glück ... 


©️ RKS 2019 

WAS BLEIBT

 

Was bleibt in unsrem Leben, 

wenn alles von uns geht? -

Die Liebe, die wir geben,

das Lied, das in uns steht!


In dieser Liebe teilen

wir Lebenslust und Freud’,

und mit dem Liede heilen

wir Schmerz und Einsamkeit.


©️ RKS 2019 



DIFFERENT

 (also nicht das gleiche)


korrekt und richtig

schwer und gewichtig

schauen und sehen

hören und verstehen

klar und wach

unwillig und schwach

reden und auch etwas sagen

mutig sein und Dinge wagen

kurz und klein 

leben und sein

sterben und fehlen

Menschen und Seelen

Heimat und Land

Hirn und Verstand

Sekunde und Nu

ich und Du


©️ RKS 2019


Diese Zeilen wurden in der Anthologie (Jahrbuch) der „Gesellschaft für deutschsprachige Gedichte“ des Jahres 2019 veröffentlicht.

TRAUM

 

Wäre doch alles,

was hohl und aufgeblasen ist,

ein Luftballon. 


Unsere Welt wäre

bunter und weniger laut. 


© RKS 2025 


Dieses Gedicht wurde in der österreichischen Literaturzeitschrift „etcetera - Literatur und mehr“ abgedruckt. 

27.7.25

DIE LETZTE BRÜCKE

 (allzeit begehbar)


Wenn in bedrängten Zeiten,
im Alltag dieser Welt,
mein Blick auf Widrigkeiten,
auf Not und Plagen fällt, 

wenn hoch die Wolken gehen,
und wild aufbraust das Meer,
wenn mir im Weltgeschehen
das Herz wird manchmal schwer, 

weil ich nichts fühl‘ vom Glücke,
weil hart mich Sturm umweht, 
dann führt — als letzte Brücke —
mich aufwärts das Gebet. 

©️ RKS 2012


STILLLEBEN MIT METALL

 

Auf dem Bahnsteig starren

Gestalten in Geräte,

Welt und Selbst vergessend. 

Eine gekünstelte Stimme 

spricht von Verspätung.

Der Automat bietet reglos

Getränke und Snacks an;

ihn berührt nichts. 

Unbeirrt schlägt auch

der Wind sein Lied

um stählerne Masten. 


© RKS 2024 

MÜHSAM (Scribo ergo ero)

(„Scribo ergo ero“)


Cartesius dachte 

und war deshalb


Ich muss 

all mein Denken

mühsam aufschreiben


Langsam nehme ich 

die eigene Gestalt an

und vielleicht bin 

auch ich 

irgendwann


© RKS 2025 

JENE STELLE ERINNERND


Hainbuchen vielleicht oder Erlen 

der Wind schwadroniert vom 

Vogelflug deine Bluse wie ein 

Segel gebauscht dort im 

Schrank ihr zartes Lichtblau 

verschwimmend wie leergefegter Nebel

zurückgelassen irgendwo

am staubigen Wegrand

wir gehen wieder zum Wagen 

es war schließlich nur ein Halt

wegen der plötzlichen Notdurft

wir werden das kein zweites Mal

wiederfinden auch die wispernden

Bäume nicht vermutlich Erlen


© RKS 2024 

ABENDSZENE

 (unromatisch)


Stück für 

Stück für 

Stück gleitet 

der Tag hinter 

den Planeten doch 


das Dorf drüben

am Gegenhang wirft sich

ein paar Lichter

über und vergisst seiner


man wartet auf 

die fahrenden Sänger

ihre Lieder mitzujohlen

ohne wahrhaft ein Wort 

zu verstehen und 


auch um alles andere 

zu vergessen


© RKS 2025