10.1.26

IN THE BEGINNING III

 

Jenseits der Mauer

ruhen die Toten, 

der Winter hat sie

nochmals weiß zugedeckt. 

Vergangen ist ihr Schmerz,

andere trauern noch lange. 

Rotkehlchen schmettert ihnen

unbeirrt ein tröstliches Lied. 


©️ RKS 2026 


IN THE BEGINNING II

 

Still versunken 

in flauschigem Weiß

kauert Helleborus müde

in der Gartenecke. 

Schwarz lugt Dohle

vom kalten Dach

zum Nachbarn. 


©️ RKS 2026 


IN THE BEGINNING I

 

Schrei‘ nur, Wind,

tobe, schlag‘ ans Hauseck,

und fahr‘ mir in den Bart …

Auch ohne dich

begänne das Jahr

Schlag auf Schlag 


©️ RKS 2026 


9.1.26

BEI SICH BLEIBEN

 

Sinniere ich zu weit hinaus,

wirbelt alles durcheinander,

ist mein Denken zerfetzt, 

am Rand alles ausgefranst, 

sich windend in wilden Falten.


Doch im Zentrum herrscht Klarheit,

blicke ich wieder dorthin,

kann ich ganz bei mir sein.

Dort ist das Essentielle; 

der Fokus zeigt mir, wer ich bin, 

was mich ausmacht, wo ich stehe.


An dieser Stelle treffen sich 

die Gedanken mit den Erinnerungen, 

gesellen sich Worte zueinander.


Hier kann ich mir die Wahrheit 

meines Seins zuflüstern, 

kann das Faltige ausbügeln, 

das Zerfetzte zu Neuem verbinden.


©️ RKS 2026 


NUIT D‘HIVER

 

Nacht changiert in Grautönen 

Wirbel verhüllen die Welt 

und Laternen werfen ihre

Lichtschreie durchs Fenster 

der Trubel aus Flocken

scheint sie zu ängstigen

teilnahmslos sehe ich 

wie alles zugedeckt wird

stehe außerhalb der Welt

ungerührt und blind


©️ RKS 2026


UMHAUCHT VON NACHT

 

All unsre Enge wich

vor diesen Himmelsweiten;

vereint für alle Zeiten

sind liebend du und ich.


Die Herzen tief verwoben 

in einem Trachten sind,

und mit dir, schönes Kind,

blick‘ dankbar ich nach droben.


Wie stille er mich macht,

der Blick in jene Fernen!

Wir schauen zu den Sternen,

und sind umhaucht von Nacht.


©️ RKS 2026


Bearbeitung eines Gedichts von 2022. 

8.1.26

DAS ZAUBERLIED

 

Durch verträumte, dunkle Wälder,

über Wiesen, Raine, Felder,

durch die Täler, auf den Wegen,

über Bächen und auf Stegen,


auf der Heide, durch die Lüfte,

über Bergen, durch die Klüfte,   

von den Blättern alter Bäume,

selbst in Düften wilder Träume,


aus der Freude und aus Klagen,

in den Nächten, an den Tagen,

in der Nähe, in den Fernen,

her vom Mond und von den Sternen,


von Räumen, wo die Engel singen,

höre ich, als wenn’s mich riefe,

sanft in allen Dingen schliefe,

leis’ ein Zauberlied erklingen ...


©️ RKS 2018 


JANUARNACHT

 

Der Mond ist nicht zu sehen,

schweigend die Sterne stehen,

die Luft ist klar und kalt. 

Die Berge ruhen leise,

und von des Waldsees Eise

blinkt‘s diamantgleich durch den Wald. 


©️ RKS 2019 


ODEUR DE LA MORT

 

Eine Frau liess einst mich erbeben;

ich wünschte mir, sie würde mein,

denn mit ihr nur wollte ich leben,

und sie wollt‘ ich lieben allein. 

Ich habe mit brennendem Herzen

ihr ein singend‘ Vöglein gebracht,

doch sie empfand dessen Schmerzen,

und liess es frei in der Nacht. 


Sie widerstand all meinem Werben,

sprach schließlich dies traurige Wort:

„Hier riecht überall es nach Sterben;

wie atmest Du an diesem Ort?

In deinem Reich kann ich nicht bleiben,

hier ist soviel Leid, Schmerz und Nacht. 

Und bei uns würd‘ man Dich vertreiben,

weil den Tod Du mit hast gebracht.“


Am Morgen auf schlängelnden Pfaden

schritt dann sie zum Tale hinaus,

zart glänzten da an ihren Waden

wie Perlen die Tropfen des Taus …

Ich sah lang ihr nach ohne Worte,

wie sollte ich ohne sie sein? —

Das Morgenlicht wurd‘ mir zur Pforte

aus Glut — in die Hölle hinein. 


©️ RKS 2020 


7.1.26

VOYAGEUR

 

Fragt mich nicht

woher oder wohin 

ich komme gehe


All meine Orte

sind in keiner Karte 

keinem Atlanten verzeichnet 


Reisen dorthin lassen

sich nur mit der Seele

nur mit dem Geist

nur mit Phantasie bewerkstelligen 


Der Einsatz ist hoch

das Erlebnis in jedem Falle

den Preis wert


©️ RKS 2026 


6.1.26

BERÜHRUNG

 

Sprachlosigkeit schleicht 

aus den grauen Schatten 

ungesagter Gedanken

sich tarnend mit dem Gras

dürrer Worte und dem Moos 

hohler Begrifflichkeiten


Manchmal streife ich

unmerklich ihre Ränder 

während sich in den Falten

der Rost der Tage sammelt


©️ RKS 2026 


INDISKRET

 

Dunkel zieht 

lautlos über Land

der Tag streckt

seinen grauen Bart

in den kalten Wind

wirft die Reste der Zeit

in die Schatten

weiche Zimtworte flockig

auf den Lippen weiß

vom Schnee gefärbt

erzählen sie sich

in der kommenden Nacht

all unsere Geheimnisse


©️ RKS 2026