29.8.26

GLASKLAR

 

Nach dem

Sturm im Wasserglas

kam es dort

aufgrund Starkregens

zu weitläufigen

Überschwemmungen


©️ RKS 2026 


28.8.26

DURCHATMEN

 

alles jagt 

so rasend schnell 

durch die Zeit 

habe beschlossen 

mich zu verlangsamen

statt Lebenslauf 

werde ich mich 

für die verbleibende 

Wegstrecke zu einem

gemütlichen Lebensgang

aufmachen und mir

Zeit nehmen

durchatmen


©️ RKS 2026 


26.8.26

INDETERMINIERT

 Vielleicht


bin ich niemand, 

der irgendwo

für irgendwen

irgendwelche

Vermutungen

anstellen könnte,

die irgendwie Klarheit

vermissen lassen,

aber das ist mehr

als ungewiss. 


©️ RKS 2026


MORGENGRAUEN

 

Sterne verglühen

fallen ins Nirgendwo

keine Asche 

kein Laut

nur das Echo 

einer Ahnung

dringt in die Wurzeln

des Worts

das die Nacht

verschlingt


©️ RKS 2026 


21.8.26

WENN DER LETZTE MORGEN KOMMT

 

Heute will ich wieder eine Ausnahme machen, und KEIN eigenes Gedicht einstellen. Schon seit langem kenne und schätze ich das Werk, das uns der geniale Dichter GEORG DROSDOWSKI hinterlassen hat. Drosdowski wurde am 21. April 1899 in Czernowitz (damals Österreich-Ungarn, heute Ukraine) geboren. Er starb am 24. Oktober 1987 im österreichischen Klagenfurt. Sein Werk ist eng mit den Erinnerungen an die multikulturelle Region der Bukowina verbunden. Das vorliegende Gedicht entstammt seinem Spätwerk; es hat mich bereits beim ersten Lesen tief beeindruckt. Doch lest selbst …


Wenn der letzte Morgen kommt, 

hat sein Abend andere Sterne, 

und zur Nähe wird die Ferne, 

wenn der letzte Abend kommt.


Wenn der letzte Abend naht, 

gehst du in den ersten Morgen. 

Dir erschließt sich, was verborgen, 

wenn der erste Morgen naht.


Von dem Ganzen Teil zu werden, 

fordert dich die Ewigkeit. 

Sei ergriffen und bereit, 

von dem Ganzen Teil zu werden.


Abend, Morgen werden eins, 

alle Zeit ist aufgehoben. 

Nur noch Rühmen, nur noch Loben, 

werden Morgen, Abend eins.


©️ Georg Drosdowski


20.8.26

FEUER

 

Der Weg führt auf des Todes Feld,

kein Lied durch Berg und Täler tönt. 

Heiß aus der Seele Tiefen stöhnt 

in Leid und Plage auf die Welt. 


Bei dunkler Nacht kein Stern aufblinkt,

die Zukunft scheint nur leerer Raum,

das Leben bloß ein öder Traum,

von dem man in das Grab hinsinkt …


Die Hoffnung, welche Gott uns gab,

setzt voller Macht das Herz in Brand;

man schauet auf zum Himmelsrand,

und blickt weit über Tod und Grab. 


©️ RKS 2026


HERBSTLICHES WANDERN

 

Einen Pfad zu finden

schien aussichtslos hier: 

Jungfichten, Buchen, Brombeerranken,

und andauernd regnete es … 


Nasses Ahornlaub

auf Holztafeln,

die freilegende Hand

zerkratzten Dornen …


Wind wehte Tropfen herab, 

ein leises Ächzen des Holzes,

gelb leuchtete die Lärche 

gegen die grauen Wolken


©️ RKS 2026 


19.8.26

NARREN

 

der Beginn

das Leben ruft

in den tosenden Lärm

keiner lauscht


das Ende

der Tod ruft

in die nächtliche Stille

keiner lauscht


ohne Beginn 

ohne Ende 

das Sein schweigt

von Ewigkeit her 

keiner lauscht


das Glück

geschäftig suchend

im Dunkel tappend

taub blind tastend 

ahnungslos allesamt


©️ RKS 2026 


IRGENDWO

 Irgendwo


ein verwunschenes Land

einstmals besungen 

südwestlich der Berge

östlich der Welt

die wir kennen 

unbekannte Gegend 

jenseits der Mauer

diesseits des Denkens

kein Licht

kein Schatten

nur Stille

und jene Leere

welche die Seelen 

verdorren lässt 

und dennoch ist sie

Ziel der Unwissenden


©️ RKS 2026 


13.8.26

ERGEBUNG

 

Bin ein Wanderer, mir sind die Wege unbekannt, 

vorwärts schreite ich ganz frei und unverwandt,

mit dem Stock und nichts sonst in der Hand. 


Darf des Nachts mich auf dem Lager wiegen,

stehe morgens auf, wenn alle sonst noch liegen, 

will den Weg und auch mich selbst besiegen,


hoffend, dass nach diesen harten Tagen allen, 

dort am End‘ des Wegs und stetem Wallen

ich vor Gottes Thron beglückt darf niederfallen. 


©️ RKS 2026


12.8.26

GRADUELLE DIFFERENZ

 

er sagte 

er möchte am liebsten

eines Tages

mit ihr sterben 


sie dachte

sie würde viel lieber

heute schon

ohne ihn leben


©️ RKS 2026 


AUF DEM FRIEDHOF

 

auf dem Friedhof 

der Illusionen sind 

die Gräber vorbereitet 


das letzte ist 

für die Hoffnung

die lange nicht 


sterben will ich 

kenne dieses Gefühl 

wie mein Spiegelbild


es gleicht mir

und ist dennoch

niemals wirklich ich


©️ RKS 2026