17.10.26

SOMMERNACHTSTRAUM

 

Versonnen bestaune ich

deine besonnten Augen 

entdeckte darin

verbogene Balken

entstanden aus

verbogenen Wahrheiten 

und plötzlich ist

da Blau und Wasser

ich versinke in mir 

oder treibe in dir 

bis selbst die Luft

atemlos über der

irisierenden Regenbogenhaut

in allen Farben verweht


©️ RKS 2026


15.10.26

AHNUNG

 

Die schweigenden Tiefen

des nächtlichen Himmels

geben uns eine Ahnung

von der möglichen Weite

des Geistes. 


©️ RKS 2026 


13.10.26

FUNKTIONSWEISE

 

Die Bilder

die wir mit Sprache 

zeichnen,

sind uns Ausweg,

Fluchtmöglichkeit,

wenn sich die Wirklichkeit

verweigert,

die Phantasie weiterfliegt,

und wir einsam von

nichts als Worten 

umgeben sind. 

Aber sie sind

schweigsame Freunde. 


© RKS 2023


AURORA

 

Ging am Bach entlang und 

sah einen Eisvogel

Schaute gleich zum Himmel

wegen der Polarlichter

Aber an den Bäumen

nichts als bunte Blätter


©️ RKS 2026 


πάντα ῥεῖ *

 

Sie dringen in

die kleinsten Ritzen

infiltrieren infizieren

Menschen Meinungen

Und auch ich

lebe in den Worten

genieße in ihnen

dahinzutreiben

fortgetragen zu werden

in Welten und Weiten

Wer weiß vielleicht

begegnen wir einander


©️ RKS 2026



* Panta rhei  — Alles fließt  (Heraklit zugeschrieben)

12.10.26

SILEO LITTERIS

 

Um dir keine Arbeit 

oder Mühe zu machen

schreibe ich einfach nichts


Das wirft dich zwar 

auf dich selbst zurück 

spart aber Energie


Jetzt sitzt du da

mit deinen Buchstaben

ratlos irritiert verwirrt 

warum ich nicht schreibe

sondern schriftlich schweige


©️ RKS 2026 


REAKTION

 

Im Traum warf

mir einer den Fehdehandschuh

wutentbrannt vor die Füße. 


Ich hob ihn auf,

und hängte ihn 

auf die Wäscheleine. 

 

Das gute Stück

war klitschnass. 

Rücksichtsloser Kerl!


©️ RKS 2026


5.10.26

VORSATZ

 

Auf alter Berge Grund 

weiß ich ein trautes Haus;

ich blickte manche Stund‘

von dort ins Tal hinaus. 


Es ist ein bitt’res Scheiden

der allerletzte Gang;

und wenn wir ihn erleiden,

ist unserm Herzen bang. 


Ruft mich der Tod heraus

fern von der Heimat Grund,

eil’ ich in jener Stund‘

im Geist zu diesem Haus. 


©️ RKS 2026 


IM GEORGENGARTEN

 

Wohl in Gedanken versunken

blickt der alte Leibniz in die Ferne

wendet mir bald den Rücken zu


Die Stockenten distanzieren sich 

fortschwimmend vom lüsternen

Gurren der Tauben


Mütter rufen ihren Kindern zu

nicht übers Wasser zu gehen

und auch ich verkneife mir

deshalb das Fliegen


Die Krähen belächeln 

meine Zurückhaltung


©️ RKS 2026 


2.10.26

ORESTIE

 

Kinder der Erde

sind wir und 

mörderisch bis

ins Mark


Sie tötete nicht

ruchlos unseren Vater 

aber wir bringen ihr

den Tod gedankenlos

gnadenlos

ohne Sinn für

das Sein an sich 


Wen kümmern

die Eumeniden?

Nach uns 

die Sintflut!


©️ RKS 2026 


PODZIMNÍ SCÉNA *

 

Der Berghang 

hat sich einen goldroten 

Mantel umgehängt 

der Tag trägt Schmuck aus

Eicheln und Kastanien 


Eine breite Bank

plötzlich mitten im 

Fluss der Zeit 

und prompt lief

mein Herz auf Grund


Das Wasser seufzte

unter der Last doch 

der Wind flüsterte

leise zum Himmel


Ich hüllte meine Seele

in Sehnsucht und schlang

Blätter um die Gedanken

Sie welkten stillschweigend

allen Herbstfarben zum Trotz


©️ RKS 2026 



*  Herbstliche Szene

1.10.26

SPÄTHERBSTLICHE SZENERIE

 

Novemberlicht liegt auf der Au,

die Sonne scheint nicht stark genug. 

Ein Rabe sinkt in stillem Flug

herab aus mattem Wolkengrau. 


Es ist die triste Nebelzeit

mit lautlos mächt‘gem Trennungssog. 

Der Rabe steigt hinauf ins Weit. 

Ach, wen er da wohl mit sich zog?


©️ RKS 2026 


BANGE FRAGE

 

Sind Erinnerungen

nur das Verlangen

nach einer ungetrübten Zeit

voller Licht und Wärme,

sind die Erinnerungen 

am Ende nur Traum,

Phantasie, wie es hätte

sein können oder sollen, 

eine Vorstellung,

krankend 

an der Last der Realität …?


©️ RKS 2026