20.8.26

FEUER

 

Der Weg führt auf des Todes Feld,

kein Lied durch Berg und Täler tönt. 

Heiß aus der Seele Tiefen stöhnt 

in Leid und Plage auf die Welt. 


Bei dunkler Nacht kein Stern aufblinkt,

die Zukunft scheint nur leerer Raum,

das Leben bloß ein öder Traum,

von dem man in das Grab hinsinkt …


Die Hoffnung, welche Gott uns gab,

setzt voller Macht das Herz in Brand;

man schauet auf zum Himmelsrand,

und blickt weit über Tod und Grab. 


©️ RKS 2026


HERBSTLICHES WANDERN

 

Einen Pfad zu finden

schien aussichtslos hier: 

Jungfichten, Buchen, Brombeerranken,

und andauernd regnete es … 


Nasses Ahornlaub

auf Holztafeln,

die freilegende Hand

zerkratzten Dornen …


Wind wehte Tropfen herab, 

ein leises Ächzen des Holzes,

gelb leuchtete die Lärche 

gegen die grauen Wolken


©️ RKS 2026 


19.8.26

NARREN

 

der Beginn

das Leben ruft

in den tosenden Lärm

keiner lauscht


das Ende

der Tod ruft

in die nächtliche Stille

keiner lauscht


ohne Beginn 

ohne Ende 

das Sein schweigt

von Ewigkeit her 

keiner lauscht


das Glück

geschäftig suchend

im Dunkel tappend

taub blind tastend 

ahnungslos allesamt


©️ RKS 2026 


IRGENDWO

 Irgendwo


ein verwunschenes Land

einstmals besungen 

südwestlich der Berge

östlich der Welt

die wir kennen 

unbekannte Gegend 

jenseits der Mauer

diesseits des Denkens

kein Licht

kein Schatten

nur Stille

und jene Leere

welche die Seelen 

verdorren lässt 

und dennoch ist sie

Ziel der Unwissenden


©️ RKS 2026 


13.8.26

ERGEBUNG

 

Bin ein Wanderer, mir sind die Wege unbekannt, 

vorwärts schreite ich ganz frei und unverwandt,

mit dem Stock und nichts sonst in der Hand. 


Darf des Nachts mich auf dem Lager wiegen,

stehe morgens auf, wenn alle sonst noch liegen, 

will den Weg und auch mich selbst besiegen,


hoffend, dass nach diesen harten Tagen allen, 

dort am End‘ des Wegs und stetem Wallen

ich vor Gottes Thron beglückt darf niederfallen. 


©️ RKS 2026


12.8.26

GRADUELLE DIFFERENZ

 

er sagte 

er möchte am liebsten

eines Tages

mit ihr sterben 


sie dachte

sie würde viel lieber

heute schon

ohne ihn leben


©️ RKS 2026 


AUF DEM FRIEDHOF

 

auf dem Friedhof 

der Illusionen sind 

die Gräber vorbereitet 


das letzte ist 

für die Hoffnung

die lange nicht 


sterben will ich 

kenne dieses Gefühl 

wie mein Spiegelbild


es gleicht mir

und ist dennoch

niemals wirklich ich


©️ RKS 2026


11.8.26

GEBET EINER MUTTER

 

In stiller Nacht ein sanfter Wind,

von dem der Vorhang leis sich regt. 

In dieser Nacht schläft still mein Kind,

das träumend manchmal sich bewegt. 


Es lauert Furcht in jeder Nacht,

weil es den Tod noch immer gibt,

der schon so viele umgebracht,

nicht fragend, ob gehasst, geliebt …


Es bleibe bis zur Morgenzeit

nur Charons Kahn im Hafen;

es mög’, bewahrt vor allem Leid,

mein Kind ganz selig schlafen!


©️ RKS 2026 


6.8.26

EIN BILD

 

Ein nie versiegendes Fließen

und ein unstillbares Dürsten 

sind dem Strom des Lebens 

eigen, und wir treiben und

versinken darin. 


©️ RKS 2026 


RASTLOS WANDERND

 

Von den Wegen

durch die Wälder

zurückgekehrt,

ist die Hütte

unverändert.


Bei einem Becher Tee

grabe ich das Bild

deines Gesichts

aus den Tiefen der Erinnerung,

mein wundes Herz

darin zu bergen.


©️ RKS 2026 


INFILTRIERT

 

Der Strom

schreibt mit Symbolen

aus Muschelschalen und Kies

Geheimes in den Ufersand


Beim Versuch des 

Lesens und Verstehens 

sickert das seufzende

Säuseln des Wassers 

in mein Innerstes


©️ RKS 2026 


NUTZLOS

 

Wenn dein Kahn 

auf dem Meer des Daseins

umtost vom Sturm der Zeit

ohne Segel

ohne Ruder

ohne Steuer 

still vor sich hin treibt

ist auch dein Kompass

nutzlos


©️ RKS 2026 


HERKUNFTSGEDANKEN

 

Vorzeiten 


trieben unbekannte Vorfahren

auf dem Meer der Ereignisse 

ins Irgendwohin. 


Urgroßeltern, Großeltern, Eltern 

landeten eines Tages

an unbekannten Ufern,

und nannten es bald Heimat. 


Bin also im Grunde

ein Stück Treibgut. 


©️ RKS 2026