6.1.26

WINTERSPAZIERGANG

 

Kahle Birken, schneebestäubte Heide, 

Raureif, Einsamkeit und Leere, 

des Winters glitzerndes Geschmeide, 

Krähen sammeln sich wie Heere, 

kein einz'ger Mensch sonst auf den Wegen, 

nur Stille ist hier mein Begleiter.

Das scheint mir wahrhaft wie ein Segen, 

drum geh' ich froh und sinnend weiter ...


©️ RKS 2018 

WIE ARTEFAKTE ENTSTEHEN

 

Verdrängung petrifiziert

lässt den Schmerz wie 

die Freude versteinern 

sodass nichts mehr 

weiter passieren kann —

der perfekte Stillstand 

damit wunderbar jeder Augenblick 

einfriert mich mir selbst 

entfremdet und die stehende Zeit

mit einem neuen Ton einfärbt

dem sanften Grau

des Vergessens


©️ RKS 2026 


MÉMOIRE

 

Immer noch wispert

diese Stimme aus dem Gestrüpp

meiner wirren Gedanken

und ich trage schwer

an den Worten die mich 

wespengleich umschwirren 

in meinen Haaren nisten 

in meine Haut beißen 

mich quälen mit Erinnerung

an jenen Tag als du 

ohne ein Wort gingst


©️ RKS 2026 


ERFOLGLOS

 

Verstörendes rieselt

aus den winterkahlen Ästen

auch Zeit schneit sanft herab 

Beides verfängt sich 

in meinen Kleidern lässt

mich ächzend tragen an

der Schwere des Tages 

Der Versuch sie im Fluss

der Worte auszuwaschen 

scheitert


©️ RKS 2026 


BONJOUR TRISTESSE

 

In der verschlafenen Vorstadtsiedlung

die nächsten Häuser sind von der kleinen

Schrebergartenkolonie aus gerade so

in Sichtweite ist jetzt der Niedergang 

eingezogen ein ziemlich unangenehmer

Nachbar du siehst zwischen den Gleisen 

der Bahnnebenstrecke das zerbrochene Display 

eines alten iPhone SE schimmern und 

denkst daran wie lange du sie schon

nicht mehr angerufen hast das muss

bestimmt mehr als ein halbes Jahr her sein

es rinnt eine Träne über deine Wange als

du in der einsetzenden Dämmerung vor 

deiner Laube sitzend auf dem Klapptisch

eine Flasche Bier blicklos dem ratternd 

vorbeifahrenden Zug zuwinkst


©️ RKS 2026 


5.1.26

ESPERANZA

 

Aus nackten Zahlen

zieht sie eigene Schlüsse,

berechnet nicht, 

nimmt einfach andere Werte an. 

Noch an den dunkelsten Tagen 

will sie frisch und mutig

frühmorgens schon ans Werk gehen, 

pfeift auf vorhersagende Wahrscheinlichkeit,  

sieht in allem nichts weiter

als eine erneute Chance, —

unverbesserlich grundlos positiv. 


©️ RKS 2026 


STILLLEBEN MIT ROSEN

 

Bronzerote Lippen seufzen,

ein leises Singen ertönt, 

wie das Rauschen höfischer Kleider,

während Lepidopterae

im Abdomen rumoren, 

und jener mystische Klang

von Gold aus vielblättrigen Blüten,

der zarten Haut von Quitten, 

und dem Duft frischen Brotes

an die Ränder der Seele schleicht,

sie in schwerelosem Flug 

fort aus dieser Welt zu tragen. 


©️ RKS 2026 


INS DUNKEL

 

Ich liebe das Stille,

das Verborgene, Dunkle …

Niemand hört mich 

leise über Zeit

und Wälder schweben,

den Eulen gleich. 


Frage nicht, was 

Sterne bedeuten, noch 

wo einst dein Schiff ankert 

am Ende der Reise!


Lass Welt und Menschen 

reden, Du aber schweige,

— wie das Licht —

und verstehe die Stille!


Breite die Schwingen aus, 

und fliege mit mir hinein

ins Dunkel der Nacht!


©️ RKS 2026 


4.1.26

NACHDENKEND

 

Liebe ist 

das Mahlwerk allen Tuns

Krone des Lebens

bis in die Tiefe 

ohne Furcht


Auf den Wiesen wird

der Löwenzahn blühen 

und gleich ihm werde 

ich dereinst vergehen

ein Schmetterling

im Winde gaukelnd


©️ RKS 2026 


UNBEIRRT

 

Stoisch erträgt

die alte Eiche

Wind und Schnee 

bietet dem Winter

trotzig die Stirn 

Im frostigen Nachmittag

verbreiten Tannenmeisen

emsige Fröhlichkeit


©️ RKS 2026 


BETULA

 

Weiß nicht nur 

vom Neuschnee 

wiegt sie sich

im Winterwind

Ihr leises Seufzen

erlauscht nur der 

eben aufgehende 

Mond und ich 

fühle mit ihr 


©️ RKS 2026 


SIGNUM VITAE

 

Todesgleich im Schnee 

versunken liegt nun

schweigend die Welt

Ins endlose Weit 

fliegen zeternd Elstern

auf in schwarz und weiß 

Lebenszeichen 


©️ RKS 2026 


GEDENKORT

 

Die Reste des Stammes

der damals vom Blitz 

gnadenlos gespaltenen Fichte

liegen still am Waldrand. 

An ihrem offenen Grab

gedenke ich der Tage

da sie so stolz wuchs —

als Beispiel für mich


©️ RKS 2026 


3.1.26

LEICHTIGKEIT

 

Ins Dasein 

kommen und gehen

wie Mauersegler im

Sommer mit den Winden 

durch den Raum jagen 

im Licht dahinfliegen

wie bunte Schmetterlinge

Löwenzahnsamen

ins Nirgendwo

schweben lassen


©️ RKS 2026 


2.1.26

PHOENIX IM FLUGE

 
Wie neugeboren auffahren
aus den rauchenden 
Trümmern der Zeit die
allen auf den Nägeln brennt
immer höher —

Höher, hörst Du!!

Die Flugfedern sind
ja wohl unversehrt da
nur das Vergängliche verbrannte

Lass die Sterblichen
ihre Asche verehren
und nähre du dieses
innere Feuer das 
niemals erlischt solange wir
durch Unendlichkeit fliegen

©️ RKS 2026