11.8.26

GEBET EINER MUTTER

 

In stiller Nacht ein sanfter Wind,

von dem der Vorhang leis sich regt. 

In dieser Nacht schläft still mein Kind,

das träumend manchmal sich bewegt. 


Es lauert Furcht in jeder Nacht,

weil es den Tod noch immer gibt,

der schon so viele umgebracht,

nicht fragend, ob gehasst, geliebt …


Es bleibe bis zur Morgenzeit

nur Charons Kahn im Hafen;

es mög’, bewahrt vor allem Leid,

mein Kind ganz selig schlafen!


©️ RKS 2026 


6.8.26

EIN BILD

 

Ein nie versiegendes Fließen

und ein unstillbares Dürsten 

sind dem Strom des Lebens 

eigen, und wir treiben und

versinken darin. 


©️ RKS 2026 


RASTLOS WANDERND

 

Von den Wegen

durch die Wälder

zurückgekehrt,

ist die Hütte

unverändert.


Bei einem Becher Tee

grabe ich das Bild

deines Gesichts

aus den Tiefen der Erinnerung,

mein wundes Herz

darin zu bergen.


©️ RKS 2026 


INFILTRIERT

 

Der Strom

schreibt mit Symbolen

aus Muschelschalen und Kies

Geheimes in den Ufersand


Beim Versuch des 

Lesens und Verstehens 

sickert das seufzende

Säuseln des Wassers 

in mein Innerstes


©️ RKS 2026 


NUTZLOS

 

Wenn dein Kahn 

auf dem Meer des Daseins

umtost vom Sturm der Zeit

ohne Segel

ohne Ruder

ohne Steuer 

still vor sich hin treibt

ist auch dein Kompass

nutzlos


©️ RKS 2026 


HERKUNFTSGEDANKEN

 

Vorzeiten 


trieben unbekannte Vorfahren

auf dem Meer der Ereignisse 

ins Irgendwohin. 


Urgroßeltern, Großeltern, Eltern 

landeten eines Tages

an unbekannten Ufern,

und nannten es bald Heimat. 


Bin also im Grunde

ein Stück Treibgut. 


©️ RKS 2026 


28.7.26

BURN—OUT

 

Die Ruhe der Dünen 

und die lautlose Würde

der nahen Berge

jene Stille

noch hervorgehoben

durch vereinzelte Rufe

der Vögel und dazu

der leise Gesang des Windes


Lautlos dringt

der innere Lärm

aus der Seele ins Weit

verhallt ungehört 

im Nichts


neue Kräfte strömen


©️ RKS 2026     


WIDERSTÄNDIG

 

All unser Denken bricht sich an der Zeit;

wir breiten dennoch unsrer Seele Schwingen,

ahnend den Tod, zum Leben nur bereit,

trotzen wir ihm mit Tanzen und mit Singen. 


©️ RKS 2026 


BILANZIERT

 

Ich habe furchtlos in die Nacht gesprochen,

und mutig manches in den Tag gesagt, 

hab‘ viel begonnen, viel auch abgebrochen,

hab’ laut gelacht, im Leiden still geklagt …


Am Ende werde ich mein letztes Werk beginnen, —

und dann dem Leben durch den Tod entrinnen. 


©️ RKS 2026 


ALLEIN IN DER FREMDE

 

Lag schon in manchen Nächten länger wach,

jedoch noch nie so wie in diesem fremden Haus. 

Blieb gänzlich schlaflos unter diesem Dach,

und sah durchs Fenster in die Dunkelheit hinaus. 


Mich dürstete nach deiner warmen Hand,

hab‘ jeden Augenblick an dich gedacht,

und sehnsuchtsvoll in diesem fremdem Land

die Nacht in stiller Einsamkeit durchwacht. 


©️ RKS 2026 


DER EINSAME

 

Durch Nächte taste ich mich, lahm und blind,

auf Straßen namenlos, kann kaum sie ahnen,

hab‘ keinen Freund, der mir von Sonne spricht, 

und ziehe drum wie ein verwaistes Kind 

auf mir vom Schicksal vorbestimmten Bahnen,

still hoffend, dass dereinst mein Tag anbricht. 


©️ RKS 2026 


DER SCHIFFBRÜCHIGE

 

Weit draußen fährt ein Schiff vorbei,

das erste seit ganz langer Zeit. 

Danach ist wieder weit und breit

nur Einsamkeit und Möwenschrei …


©️ RKS 2026 


27.7.26

KLÄRENDES GESPRÄCH

 

Mit einem etwas zu schrillen Tonfall 
und einem leicht beleidigten Gesichtsausdruck 
betonte sie nochmals und mit Nachdruck, 
dass sie sehr wohl mitbekommen habe, 
wie er sie stets lange und begehrlich angesehen habe. 

Worauf er ruhig und lächelnd erwiderte, 
dass ihn diese Tatsache mit Hoffnung und Freude erfülle, 
jedoch zugleich den leichten Keim eines unscheinbaren Zweifels 
in ihm wachsen ließe aufgrund der schmerzlichen Tatsache, 
dass er von seiner bedauernswerten Mutter 
ohne jedes Augenlicht zur Welt gebracht worden sei. 

©️ RKS 2026 



WINTERNACHT

 

Der Mond ist nicht zu sehen,

schweigend die Sterne stehen,

die Luft ist klar und kalt. 

Die Berge ruhen leise,

und von des Waldsees Eise

blinkt‘s diamantgleich durch den Wald. 


©️ RKS 2019 


18.7.26

ERINNERUNG

 
Vorgestern vor nunmehr elf Jahren starb mein väterlicher Freund, der großartige Dichter und Pädagoge, Ingo Baumgartner nach schwerer Krankheit. 

Nun, ich muss sagen: Er fehlt noch immer! 
Und immer wieder neu muss ich an ihn und seine wunderbaren Gedichte denken, seien sie nun schalkhaft, hinterkünftig-skurril oder von enormem Tiefgang und grandioser Beobachtungsgabe geprägt. Ich bin heute noch dankbar für den Austausch, den ich mit ihm pflegen durfte. 

Ingo, wo immer Du jetzt sein magst, ich wünsche Dir das Beste: Frieden und Freude!

Hier noch ein Werk von ihm aus dem Juni 2015

FLIEẞT  ALLES 

fließt alles auf erden
blut fließt wie pflanzensaft

tränen gedanken und schweiß
fließen und strömen

kelvins null absolutum 
absolut tot
absolut flusslos

heraklits kosmos
fließt
leben im flusse
schön

©️ 2015 Ingo Baumgartner (1944 - 2015)

15.7.26

EIN WEG ?

 

Zähle die Kräutertropfen,

schmecke das Bittere,

und was deinem Magen wohltut,

zähle mich dazu,

lass uns das Süße,

das Überzuckerte des Lebens

künftig meiden,

um all das Bittere

des Daseins zu erkennen,

und weise zu werden. 


©️ RKS 2026 


13.7.26

GEIST UND MEHR

 

Wenn man „geistreich“ sein möchte, 
muss man grundsätzlich erst einmal NICHT unbedingt reich sein, 
aber es wäre von unschätzbarem Vorteil, 
wenn man so etwas wie „Geist“ besäße, 
und auch darin geübt wäre, denselben zu benutzen. 

©️ RKS 2026 

8.7.26

PFLICHTERFÜLLUNG

 

Schlaf ist erste Bürgerpflicht.


(1) Es ist absolut verboten, einfach aufzuwachen.   


(2) Wer erwacht, macht sich staatsgefährdender Umtriebe schuldig. 


(3) Auch der Versuch ist strafbar



Friedrich I. Barbarossa, ist uns allen ein Beispiel an Haltung und Pflichterfüllung. Seine Kaiserliche Majestät halten ein bereits über 830 Jahre andauerndes Schläfchen. 


©️ RKS 2026